Montag, 3. Juni 2024

TBJ_15 130 km Asphaltfeinbeton - Las Vegas

Las Vegas? Ja, kenn‘ ich. Bin ich mal mit dem Rennrad hingefahren ;-) So oder ähnlich stellt sich der Chronist künftige Small Talks zu dem Thema vor. Er hat es sich hart erkämpfen müssen. Aber am Ende war es einfacher als gedacht.

Er hat vor fünf Uhr früh das Casino in Mesquite verlassen. Im Saal waren noch immer oder schon wieder Leute am spielen. Die Luft war warm, es war noch dunkel. Das erste Mal in seiner Reisegeschichte machte er sich Musik am Lenker an, Radio Pittsburgh. Die Interstate 15 lief perfekt. Brandneuer Asphaltfeinbeton, eine Oberfläche, die ihn fast einhundertdreißig Kilometer begleiten sollte. Ein Qualitätsbegriff, den sich jedes Mitglied eines Kommunalparlamentes einhämmern sollte, wenn es um die Ausstattung von Radwegen geht. Nichts darunter akzeptieren.


Früh los, genau die richtige Entscheidung

Auch wenn die Temperatur noch erträglich war, macht dem Chronisten die geringe Luftfeuchtigkeit zu schaffen. Sechs Prozent ist nichts. Er müsste außer trinken sich ständig Feuchtigkeitscreme zuführen. Dummes Zeug. Durch ihr Schattenspiel in dieser zerklüfteten Landoberfläche lieferte die Sonne einen zwar kurzen aber spektakulären Auftritt.


Die Shoulder war wegen der hohen Geschwindigkeiten zwar sauber, aber der Dreck liegt einfach fünf Meter daneben im Schotter. 


Keine Abwechslung, elende Aussicht, weil sie so weit reicht

Es gab zwei Service-Stationen auf der Strecke, die die größte Not linderten. Und es gab rätselhafte Hinweise auf der Strecke.


Sonst gab es wenig Unterhaltung

Zwischendurch sah er Draht in der vertrockneten Landschaft: Hochspannungsleitungen, die den Strom riesiger Solarparks abführen.


Sah eher wie ein See aus, Solarpark

Nach der letzten Auftankmöglichkeit standen noch achtunddreißig Kilometer auf der to-do-Liste. Der Chronist bekam lange Zähne. Aber am Ende, wie so oft, war es zu ertragen. Erstens ging es ab Kilometer einhundert bergab und es tauchte die Silhouette der Stadt auf, die ihn magnetisch einsaugte. Die verschlungenen Hochstraßen und die vielen Ab- und Auffahrten bei reichlich Verkehr sorgten noch mal für Bluthochdruck, aber dann stand er vor der Tür: Atomic Style Lounge. Er wollte ja zum Friseur. Gegen ihn war diese weltweite Übereinkunft aller Friseure: Sonntags sowieso und besonders Montags haben wir zu!

Man kann nicht alles haben. 


https://www.relive.cc/view/vdvmJgyzkNO


Zu. Trotz, dass es verlockend aussah, dafür wird er nicht noch mal herkommen.

Es ist vieles Atomic in dieser Gegend, in die ihn die Friseuradresse geführt hat und zack war der Ausgleich da. Er fühlt sich für einen Ankommerdrink eingeladen von der Brauereiwirtschaft ABLE BAKER. Able und Baker waren die Codenamen für die beiden ersten Atombombenversuche um die Ecke. Und so war nicht nur der Friseur atomic, sondern vieles an dieser Straße, wie auch die beliebte Biersorte Atomic Duck.


Eine Ente soll nach einer der Explosionen unversehrt in die Stadt gewackelt sein: die Atomic Duck

Weil er ohnehin heute hier heimatlos bleiben wird, ließ er sich an diesem Hochtisch nieder, um den Bericht weiter zu schreiben und bei dieser Gelegenheit seine Interviews zu führen. 


Cashmere und Ronald beeindruckten ihn mit einer Kleinigkeit: Sie beteten vor dem Essen

Die beiden waren für längere Zeit liebenswürdige Nachbarn, obwohl der Chronist nichts von ihrer Unterhaltung aufgeschnappt hat. Wollte er auch nicht. Cashmere lebt hier und arbeitet als Marketingfrau, Ronald ist Coach. Beide sind für 0-0-100. 

Irgendwie heikel wird es, als sich ein Pärchen aus Virginia gegenüber niederließ. Sandy und Grover. Was der Chronist ungefähr verstand, war, dass Sandy die Vereinnahmung Jesus`, die unabhängig von des Chronisten Idee, scheinbar besonders durch Mr. Trump geschieht, nicht gefällt. Sie zeigte ihm einen aktuellen Facebookpost, den er hier der Vollständigkeit halber einfügt. 


Bei uns eher weniger bekannt: Die Einbeziehung von Religion in diesen Wahlkampf

Sandy gab auch keine Zahlen, ihr Mann war da eher hemdsärmelig und lieferte eine völlig neue Variante.


Grover: 0-0-5

Der Chronist als Hans im Glück. Er wird nicht in Las Vegas übernachten. Um viertel vor Zwölf heute nacht geht sein Bus nach Tracy, dem letzten Etappenstart. In Los Angeles muss er umsteigen. Es stinkt ihm schon am Kopf unordentlich weiter zu müssen. Was ihm ganz zuwider ist, ist verschwitzt, versalzt und dreckig vierzehn Stunden im Bus zu sitzen. Also ist seine Idee in den großen Hotels nach Poolbenutzung zu fragen. Je größer und je feiner, je großzügiger ist man meistens. Dreimal schickt man ihn weg, auch im Westgate.


Durfte nicht in seinen Pool

Eine unscheinbare kleine Collegeschülerin hinter dem Servicedesk des riesigen Conrad Resort, zu der der Chronist unter Umgehung der Schlange am Check-in gegangen ist, zog ungerührt zwei Magnetkarten unter dem Tisch hervor, schrieb Pool drauf und gab sie ihm. 


Hans im Glück

Sein Rennrad gab er Juan in Aufbewahrung und jetzt sitzt er, sein Glück kaum fassend, geduscht und entspannt auf der Poolliege. So viel Handtücher, wie der Poolservice ihm geben wollte konnte er gar nicht naß machen. Übrigens, er sieht albern aus. Die gnadenlose Sonne hat ihm die Beine und Arme geschwärzt. Er sieht aus, als ob er im Vierfüßlerstand in Zartbitterschokolade gebadet hätte.

Hoch über ihm an der riesigen Hotelfront läuft eine gigantische, digitale Bilderschau. Der Pool macht um acht zu. Vielleicht die Bar am Infinitypool nicht, die mit dem Blick auf den güldenen Trumptower. Doch macht sie!

Dank an Paris H.



Weil die Bar im 66. Stock noch durch eine Privatfeier blockiert ist, schlendert der Chronist durch das gigantische Erdgeschoss.


Halb besoffen von Glitzer

Am Ende hat es noch fûr eine Bloody Mary im 66. gelangt. Nach Vorlage des Ausweises. Der Chronist war dankbar und hat es ziemlich genossen.


Über den Dächern der Stadt 

Sonntag, 2. Juni 2024

TBJ_14 38°, nicht Breite, Celsius!

Hallo in die Runde. Der Chronist hofft mal, dass das Wetter, wo es euch gerade trifft, einfach mal angenehm ist. Bei ihm sieht das anders aus. Er ist in mehrfacher Hinsicht im Vorhof der Hölle gelandet: In Mesquite, einhundertdreißig Kilometer von Las Vegas entfernt. Er kam gegen halb vier hier an, mit einer Stunde Zeitgewinn, der letzten auf dieser Reise und stieg aus dem Bus in eine höllenheiße Luft. Der schwarze Asphalt des Parkplatzes setzte der amtlichen Lufttemperatur noch mal ein Krönchen auf. Er hat seine Querung des Kontinents auf 38° ausgerichtet, aber Breite und nicht Celsius!


Wie kommt man als Dicker damit klar?

Jetzt schleicht sich doch etwas Panik ein wegen morgen, er hat nicht nur den Wind als Gegner sondern auch noch das Thermometer.


Je weiter nach Süden, je kleiner der Bus

Er machte erstmal etwas umständlich auf dem Parkplatz seine Maschine fertig, der Mann der ihm dabei zuschaute, kam aus Dortmund und war mit einem Leihwagen unterwegs. Er hatte auf seiner Rundreise extra hier angehalten, die Mannschaft seiner Heimatstadt gegen Real Madrid verlieren zu sehen. Irgendwie seltsam, wie sparsam Landsleute im Ausland manchmal in der Rede sind. Auf Nachfrage schickte er den Chronisten  um die Ecke in ein Riesenhotel mit angeschlossenem Casino, wo er an der Rezeption eine andere Vorhölle gewahr wurde. Ein riesiger Raum voller bunter Spielautomaten. 


Wer denkt sich so etwas aus? Wie kann man darin Stunden, Tage verbringen?

Damit hatte er erst in Las Vegas gerechnet. Wie Kinder auf das Smartphone starrten Frauen und Männer auf die blinkenden Scheiben. Keine zehn Minuten möchte der Chronist mit ihnen tauschen. Oder sollte er es doch einmal versuchen? 

Das Hotel ist billig, weil die Zimmer vermutlich von den Spielautomaten mitfinanziert werden. Er kann sogar in einem größeren Pool den Körper einmal entspannen. Mesquite liegt schon in Nevada und ist Grenzstadt zu Utah. Da ist Glücksspiel verboten, da heißt die größte Bank ja auch Zion Bank!


Politisch hat der Chronist heute nichts zu bieten. Er ahnt sowieso, dass es langsam langweilig wird. Es würde vielleicht interessanter, wenn es ihm gelänge, an mehr Geschichte seiner Gegenüber zu kommen. Menschen sind immer interessant.

Er möchte gerne noch zwei Dinge zu heute erzählen. Fast direkt von seinem Hotel fuhr eine Straßenbahn ihn für wirklich kleines Geld die 22 km zum internationalen Flughafen von Salt Lake City, von wo der Bus startete. 


Stadtrundfahrt für kleines Geld, die Mehrheit fährt dennoch  Auto

Und er konnte in Ruhe diese großzügige, grüne, moderne Stadt genießen und über den brandneuen, schicken Airport staunen.

Dann hat er über sechs Stunden in zwei verschiedenen Bussen gesessen und noch einmal wieder unter die Nase gerieben bekommen, wie riesig das Land ist und wie menschenleer. 


Links aus dem Fenster, rechts aus dem Fenster

Besonders hier, wo die Natur so menschenfeindlich ist. Mageres Trockengras, Salbeibüsche, mannshohe Sträucher, die der Chronist aus dem Bus nicht identifizieren kann. Und doch zwischendrin immer mal wieder große Industrie- oder Gewerbeanlagen.


Es hat der Chronist in Peggy Sue‘s 50 Style am Ende des Tages Angstessen zu sich genommen, im Supermarkt Nüsse und Wasser gekauft und etwas Schokolade, die zum Schreiben gut tut. Der Wecker steht auf vier Uhr morgens, um kurz nach fünf geht die Sonne auf. Da muss er schon auf der Interstate rollen. Er will ja auch unbedingt zum Atomic Style Friseur in Las Vegas vor Ladenschluss sein. 

Machts gut. 

Samstag, 1. Juni 2024

TBJ_13 Salt Lake City: 12 Punkte

Der Chronist ist heile in dieser besonderen Stadt angekommen und beschließt spontan die Höchstpunktzahl des Bewertungsschemas Eurovision zu vergeben. Er hat heute irgendwie besonders Glück gehabt, einschließlich der weißen Laken in dieser Orgie aus Marmor, Kristall und Teppich (die Zimmer waren schon etwas bescheidener).


Little America, kannte er bisher nicht, bezahlbar

Heute morgen hat er ziemlich geklüngelt. Es war einfach zu kalt draußen. Zwar schien die Sonne, aber es war frisch.

Keine Temperatur für alte Männer

Es war dieses Motel alt aber sauber und der Betreiber eine interessante Figur. Der Chronist kommt nicht drauf, an welchen amerikanischen Film und an welchen Schauspieler darin er ihn erinnert. Eher klein, glatt nach hinten gegelte, schwarze Haare, ein freundliches Gesicht und geht nicht aus Altersgründen mit einem Krückstock. Vielleicht kann die Leserschaft weiterhelfen. Es gibt ein besonderes Frühstück auf altem, schönen Porzellan (das Hobby seiner Frau).


Der Chronist nimmt sich das Frühstück mit aufs Zimmer, weil es gleich eine Pressekonferenz geben soll mit Mr. Trump. Dieser wurde gerade frisch in allen vierunddreißig Anklagepunkten in New York für schuldig befunden. Der Chronist sieht Mr. Trump zum ersten Mal in einer längeren Sequenz. Er versteht nicht alles, aber was er mitnimmt: Mr. Trump ist ein begabter Geschichtenerzähler. Dieser Morgen war die erste Gelegenheit, dass der Chronist das Fernsehen angemacht hat. Vor Trump sah er einen Kanal, in dem ein Jesse Kelly in seinem eigenen Kanal America on fire den Leuten weiß machen will, dass es sowohl in den Verwaltungen und bei Gerichten eine kommunistische Verschwörung gibt, als dass auch draußen sogenannte Straßenkommunisten agieren, die von den Intellektuellen gesteuert und finanziert werden. Auf einem anderen Kanal erläuterte ein runder Tisch aktuelle Geschehnisse mit Bezug zur Bibel und lies Publikumsfragen zu. Allen ist eine ziemliche Uniformiertheit gemein, die in Betonfrisuren ihre Vollkommenheit findet.

Donnerwetter, dachte sich der Chronist, haben die nichts besseres zu tun und kann man davon leben?  Und, da kann man als gemeiner Bürger eine Menge Zeit vorm Bildschirm verbringen und am Ende noch geistig ins Schleudern kommen.


Es war zwischendrin so warm geworden, dass er erleichtert den Fernseher ausschaltete und sich auf den Weg machte. Wegen dessen Besonderheiten musste noch einmal der Walmart dran und dann ging es wieder auf die Autobahn. 

Er überschritt wieder eine Grenze. Utah, genauso baumlos, aber farbiger. Warmtonige Felsformationen begleiteten die dem Tal folgenden Linien der Eisenbahn und der Interstate. 


Die Wiese ist ein Erdhörnchenparadies

Anders als in Wyoming, darf in Utah achtzig Meilen in der Stunde gefahren werden. Es knattert und jault deshalb noch ein bisschen mehr.


80 mph

Was dem Chronisten gestern so Respekt einflößte, nämlich diese lange Strecke ohne Versorgung, verdunstete ins Nichts. Er war schneller dadurch als er Hunger entwickeln konnte.

Wie ein Mirakel tauchte dann in dieser Bergwildnis neben der Straße unter anderen Angeboten der Versorgung ein Whole Food Supermarkt auf. Ihr erinnert euch vielleicht, diese Kette von Amazon, die es auf die sehr gut betuchte, earthfriendy und organic orientierte Kundschaft abgesehen hat. Der Chronist geht immer mit Widerwillen hin, muss aber gestehen, dass der Kaffee perfekt und die Muffins ziemlich herausragend sind (was er von der Haushaltsfolie fürs Rennradeinpacken nicht behaupten konnte). 


Er setzte sich mit Kaffee und Süßem in die Sonne und in den Weg von Anya. Anya war am Rad und an der Idee interessiert und klärte den Chronisten über den Grund der Ansiedlung dieses Whole Foods mitten im Gebirge auf. Er befände sich in Park City. Ein berühmter Ski- und Sommersportort, vergleichbar mit Aspen. Das erklärte auch die Anwesenheit der Porsches, Audis und der ganzen Palette Infinitys. Hier könne man sich nur als Millionär das Leben leisten. 


Anya schwärmte dem Chronisten von Salt Lake City vor, von der Universität, den Salzseen und anderen Vorzügen, die er vergessen hat. Sie wußte über die Luftqualität der Stadt und erzählte, dass Utah im Moment der begehrteste Staat für die Rohstoffindustrie ist. Sie amüsierte sich sehr über des Chronisten Frage und lieferte mit Überzeugung 0-0-100, obwohl sie nicht gläubig ist. 


Anya, weiß viel, hat keinen Beruf, lehrt Ski, Moutainbiken und passt im Moment auf das Haustier eines Freundes auf

Nach Park City musste der Chronist noch mal klettern. Es fiel ihm nach einhundert Kilometern in den Beinen schwer und der Verkehr nahm noch mal auf vier Spuren zu. Aber er kannte ja den Längsschnitt!

Von jetzt an nur bergab

Mehr als fünfundzwanzig Kilometer bergab ohne Bremsen, nur bei den Aus- und Einfahrten den rückwärtigen Verkehr beachten. Um fünfzig Stundenkilometer kamen dabei rum, einschließlich laut gegrölter Lieder. Salt Lake City lud den Chronisten regelrecht ein. Glatte, großzügige  Straßen und Grünanlagen. 

https://www.relive.cc/view/vdvmJgK8jxO

Ein junger Mann schickte ihn für den Ankommerdrink in die Whiskeystreet. Weil er mit dem Türsteher des Lokals seiner Wahl nicht klar kam (es sei Gesetz, dass man in Utah vor dem Eintritt in Bars seinen Ausweis zu zeigen hat, in Wirklichkeit passte ihm das Gesicht des Chronisten nicht) wechselte er um die Ecke zu Jazz, Soul und Bier, ohne Ausweis und Türsteher.


Livemusik

Natürlich fällt der Chronist mit Rennrad und seiner Kleidung an diesem Feierabend am Freitagnachmittag unter den Gästen auf. Katie freute sich wie eine Schneekönigin über die Idee des Chronisten und hatte 0-0-100 und eine Umarmung für ihn. 


Respekt! Man beachte noch die Beigabe aus Schnaps. Im Uhrzeigersinn: Katie, Elizabeth, Morgan. Alle arbeiten im Gastgewerbe

Am Nachbartisch ist man nicht weniger freundlich und offen und gibt gerne Auskunft.


Andrew 0-10-90, Jeremy 0-80-20 und Steve 0-0-100

Sie alle sind Rechtsanwälte. Jeremy und Steve sind verheiratet und haben Kinder. Steve gab zu, dass der Prozess und der Schuldspruch gegen Mr. Trump auch einen politischen Hintergrund habe. Das sahen wohl auch Mr. Trumps Anhänger so, weshalb sie mal fix just nach dem Schuldspruch weit über dreißig Millionen Dollar spendeten und das wohl nicht nur in großen Teilbeträgen. 


Erst wollte der Chronist hier in der Stadt zum Friseur. Aber jetzt wartet er auf Empfehlung Andrews bis er in Las Vegas ist. Er soll dort die Atomic Style Lounge probieren und hofft, dass der Name Programm ist.


Es war ein besonderer Tag. Gute Nacht zusammen. 

Donnerstag, 30. Mai 2024

TBJ_12 Einfach mal die Fresse halten

Entschuldigung. Der Einstieg ist pöbelhaft und der Chronist hofft dennoch, dass die AI auch eine treffende Übersetzung für den englischsprachigen Teil findet. 

Der Chronist sitzt erneut im Greyhound, den er in Denver ohne Mecker besteigen durfte. In einem Muster von Busstation mitten in der Stadt, im Keller des alten, majestätischen, ausgezeichnet renovierten Amtrak Bahnhofes. Er ist heute bei weitem nicht alleine, sondern in illustrer Gesellschaft. 



Das kann Stunden dauern, tat es auch. Am Ende den Ausstieg verpasst und zu weit gefahren


Alle werden von der resoluten Busfahrerin barsch und eindringlich ermahnt, Kopfhörer zu benutzen. „Keiner will hören, was du hörst!“ An der nächsten Haltestelle verkündet sie zehn Minuten Pause. „Glaub ja nicht, ich fass dich drinnen (Raststätte) bei der Hand und erzähl dir, die zehn Minuten sind um.“


Zuckerwasser Melkstand, bei so viel Auswahl können zehn Minuten schon mal eng werden

Warum diese rotzige Überschrift? Sie kam dem Chronisten vor einer Weile und will ihn nicht verlassen. Er sitzt heute neun Stunden im Bus, er hat schon viele Stunden im Bus gesessen und das Land betrachtet, er hat einige Entfernungen körperlich abgemessen und Google Maps ist seine tägliche Lektüre. Jetzt schaut er aus dem Fenster und sieht wieder Landschaft ohne Ende und denkt sich: Was ein riesiges Land! 


Land, Land, Land, von Denver nach Fort Laramie

Es ist ja nicht nur riesig von der Fläche her, da ist Kanada ja noch größer. Es ist auch politisch riesig durch die Anzahl Menschen darauf. Dreihundertdreißig Millionen sind dreihundertdreißig Millionen Individuen mit unterschiedlichen Interessen in ganz unterschiedlicher Umwelt. Der Chronist versteht ein bisschen vom Funktionieren von Organisationen und er hat allergrößten Respekt davor, es hinzubekommen, dass so viele Individuen wenigstens halbwegs friedlich gemeinsam einer Idee folgen, dazu Arbeit haben, satt werden, Transportmöglichkeit finden und in etwa nach ihren Vorstellungen ihr Leben gestalten können. Ob nun Mr. Trump oder Mr. Biden, man kann auch einfach mal Respekt davor haben, dass sie den Hut in den Ring werfen und sich das antun in ihrem Alter und entfernt eine Idee haben, diese Aufgabe irgendwie hinzubekommen. Und man kann getrost sein, dass sie nicht völlig schwerelos nach eigener Mütze hantieren können. Da steckt ein riesiger Apparat von Backoffice dahinter, der es fachlich drauf hat und berät und den Chef auch mal am Ärmel zupft. 

Wikipedia verrät, dass einer der engsten Mitarbeiter von Mr. Nixon gegen Ende dessen Amtszeit wegen seines Alkoholproblems alle Präsidentenentscheidungen über seinen Schreibtisch laufen ließ, um groben Unfug zu vermeiden. Sicher gilt immer, der Fisch stinkt zuerst am Kopf, aber so weit sich wir ja noch nicht. Der Chronist will darauf hinaus, es ist nicht einfach, dieses riesige Land, diese enorme Masse Leute zu regieren. Ist es da für uns, tausende Kilometer entfernt, in Ordnung sich so das Maul zu zerreißen, wie es viele im Land des Chronisten tun und fix mal Urteile absondern? Oder sollte man, wie es einer seiner ehemaligen Mitarbeiter sich zur ständigen Ermahnung an seinen Bildschirm geklebt hat, „Einfach mal die Fresse halten“? Und es den Menschen hier überlassen, wen sie an der Spitze sehen wollen? Danke  für eure Geduld, es kommt nicht so oft vor.

Der Chronist hatte Glück heute morgen. Er verlies Paris H.‘s edles Kellerverlies reichlich spät, der Körper ließ ihn nicht eher. Auf jeden Fall wollte er sich das Art Museum anschauen. Ein futuristischer Laden.



Zack, Entscheid, einmal reinschauen um die Stadt besonders in Erinnerung zu behalten. Hat dann auch geklappt. Eine liebenswerte, ältere Museumsvolontärin brachte ihn kurzerhand umsonst hinein, weil ihm selbst der Senioreneintritt für einen solchen Kurzbesuch zu viel war, sie ihn aber nicht so ziehen lassen wollte. Die Kunst drinnen war dem Chronisten für einen solch fröhlich blauen Morgen allerdings zu schwer. Die ganze Aktion hat ihm dennoch gefallen.


Nicht umsonst spielte der Denver Clan hier. Die Stadt scheint reich zu sein, war es früher und es sieht heute nicht anders aus.


Erbaut durch die Menschen, die Stadt und das County Denver

Der Chronist liest ein bisschen in Jack Kerouac von dessen Traumstadt Denver und dem wilden Leben darin 1947 und findet es heute ein bisschen arrogant.


«Wow!» Der Mann und ich hatten ein langes, angenehmes Gespräch über unsere jeweiligen Pläne im Leben, und bevor ich es merkte, rollten wir schon über die Fruchtmärkte draußen vor Denver; da waren Schornsteine, viel Rauch, Eisenbahnschienen, rote Backsteingebäude und, zur Innenstadt hin, die grauen Sandsteinhäuser. Und ich war da, ich war in Denver. An der Larimer Street ließ er mich raus. Voller Freude und mit dem dämlichsten Grinsen der Welt stolperte ich auf die alten Landstreicher und abgetakelten Cowboys der Larimer Street zu…

…war Ray Rawlins, Tim Grays Kumpel aus Kindertagen. Ray kam hereingestürmt, um mich abzuholen, und wir verstanden uns auf Anhieb. Zusammen machten wir eine Sauftour durch die Bars an der Colfax Avenue. Eine von Rays Schwestern war eine blonde Schönheit namens Babe – eine tennisspielende, wellenreitende Fee des weiten Westens. Sie…


Nach dem Vorfall mit dem Sitznachbarn, der vergessen hatte auszusteigen, gab es noch einmal eine barsche Ansage der Chefin vom Lenkrad: Jeder hat selber darauf zu achten, wo er raus muss. Sie könne nicht alle Ziele der Gäste im Kopf haben.

Der Vordermann des Chronisten kam aus Arkansas. Ein friedliebender, freundlicher Mensch. Einmal im Jahr fährt er seine Mutter in Washington besuchen, was ihn drei Reisetage und über zweihundert Dollar je Weg kostet. Ein Flug würde rund das Dreifache kosten.


Robert, lebt in einem roten, also konservativen Staat; er zögert nicht für 0-80-20

Der Chronist passt schön auf seinen Ausstieg aus. Evanston, Wyoming, einhundertdreißig interessante Kilometer von seinem nächsten Zielort, Salt Lake City, entfernt. Interessant, weil mit Relief versehen, weil er auf über zweitausend Meter Höhe schläft, weil er morgen eine Art Hängematte fährt, die am anderen Ende auf zweitausendeinhundert Meter aufgehängt ist und weil es auf den ersten fünfundsechzig Kilometern keine Versorgung gibt. Also muss er gut einpacken. 


Evanston - Salt Lake City

Das gilt auch für ihn selber, die Nachttemperatur liegt bei null Grad und bleibt bis zum Start einstellig. Da muss er sich was einfallen lassen. Erstmal ist er noch warm und preiswert in einem Motel untergebracht und textet unter weißen Laken. 

Ja, und dann ist da noch die Windrichtung in diesem Land ohne Bäume ;-)


Euch allen erstmal einen schönen Tag und gute Gedanken für die Europawahl (soweit ihr aus Europa seit). Die Anderen schauen entspannt zu. 

TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...