Freitag, 24. Mai 2024

TBJ_06 Nach Chicago

Liebe Leser, beste Grüße. Alles Gute für das, was der Alltag von euch gerade verlangt oder ihr von ihm. Der Chronist sitzt wieder im Greyhound und genießt sanft geschaukelt die Sonne, die frischgrüne Frühsommerlandschaft, die Wärme und die unverklebte Aussicht aus dem Fenster.

Freie Sicht in Ohio

Sein Rennrad liegt im Keller, schön verankert mit einem neuen Gummispanner von der Shoulder des Highway Nr. 119. Der alte war einmal um die Welt und einfach ausgeleiert. Quincy, der Fahrer, hat weder ein Gepäckticket noch eine Box interessiert. Er ist schwarz, liebenswert und der Zustand seiner Frontzähne passt zu dem des Unternehmens. Seine Begrüßung und der Vortrag der Regeln für die Fahrgäste ist eher ein Gesang. Natürlich darf im Fahrzeug nicht geraucht werden. Er legt aber auch Wert darauf, dass nicht einmal Joints hier drinnen gedreht werden, weil er den Gestank nicht haben will.


Es muss der Chronist in Toledo umsteigen, um gegen Abend in South Bend anzukommen. Sein Startort für die nächste Großstadteroberung: Chicago, für die er am Folgetag fast 150 km kurbeln muss.

Er berichtet heute wieder live. Pittsburgh hat ihn sehr wohlwollend beherbergt. Er verlässt das schöne Zimmer mit Wehmut. Zum Frühstück gibt es diesmal sogar echtes Besteck und noch eine Blitzumfrage mit Daniel.


Daniel aus Northcarolina, auf dem Weg zu einer Fortbildung seiner Firma, 5-0-95.  

Schade, dass er es so eilig hat. An dieser Stelle verabschiedet sich der Chronist von den Bildern und versucht stattdessen das Gegenüber so gut wie möglich zu porträtieren und will außerdem versuchen mehr herauszubekommen als nur die drei Zahlen. Sonst wird es für euch und ihn auch langweilig. Wenn ihr noch andere Wünsche habt, her damit. 


Pittsburgh hat noch eine richtige Greyhoundstation mit richtigen Gates, aus denen man an das jeweilige Fahrzeug gelangt. Es war auch nur Philadelphia so grauslich. Alle anderen Haltestellen hatten ihren Namen verdient, von kleinen Häuschen in kleinen Städten bis zu Hallen aus besseren Tagen.


Greyhoundstation Cleveland + Quincy als Fahrer; hier muss was passieren: die Toiletten eine Zumutung, die Normaluhren an den Wänden zeigen jede eine andere Zeit, die Farbe fällt in großen Plocken von der Decke des Terminals

Irgendwer in den oberen Etagen des Unternehmens hat keine Lust, keine Idee und vielleicht auch kein Geld. Das Personal vor Ort gibt jedenfalls sein Bestes, ist freundlich und versucht den Laden am Laufen zu halten. 

Mit der Haltestelle Cleveland ist der Chronist fast in Kanada. Die Stadt liegt  am Eriesee, für den Chronisten für immer mit John Maynard verknüpft. Immerhin konnte er diesem Gedicht in der Schule irgendwie noch folgen, was ihm bis zur völligen Verzweiflung nicht gelang bei „Frühling lässt sein blaues Band…“. Quincy fährt in Toledo ohne ihn weiter, nicht ohne beste Wünsche. Weil noch eine Stunde übrig ist bis zum Anschlussbus und weil er ja sein Rennrad dabei hat, lässt sich der Chronist von Google Maps in die City führen. Und wird überrascht von einer sauberen, vor Modernität und Respekt vor der Tradition strotzenden Stadt.

Einmal Toledo 

Toledo war wohl traditionell ein Standort der Glasherstellung. Was jetzt passiert weiß der Chronist nicht aber man verdient sichtbar viel Geld und investiert es in gute Straßen, helle, glatte Fuß- und Radwege, Parks, Museen und in ein eigenes Sinfonieorchester. Was er vermisst: die Stadt ist irgendwie menschenleer. Wo sind all die 300000 Einwohner? 

Der Busbahnhof ist Bestandteil des Amtrakbahnhofs, dessen Schalter nur nachts geöffnet ist, und der nur noch ein Gleis in Betrieb hat?! Mit ihm warten ein schwarzes Pärchen, eine schwarze Frau und eine Weiße, die ihren Sohn hergebracht hat. Was ihnen gemein ist, und das schockt den Chronisten in den letzten Tagen immer wieder, ist der komplette Verlust vieler Menschen über die eigene Figur. Sie sind nur noch von der Haut mit aller Mühe zusammengehaltene Behälter, die gefüllt sind mit Umbau- und Abbauprodukten überschüssigen Essens. Er ahnt ja warum, weil er den Gebrauch der Nahrung überall beobachten kann. Die UNO hat ein Welternährungsprogramm, weil Unterernährung lebensbedrohlich ist. Vielleicht wird es mal nötig sein, für die USA ein eigenes Ernährungsprogramm zu stricken. Der Chronist kann sich vorstellen, dass die hier gebräuchliche Art der Ernährung nicht weniger lebensbedrohlich ist ;-)


Die zweite Überraschung ist die ebenfalls schwer übergewichtige, schwarze Fahrerin des Anschlussbusses, die ihm verbal die Ohren langzieht, weil er das Rad nicht angemeldet hat. Und überhaupt würden sie Räder nicht transportieren. Der Chronist muss zwanzig Dollar nachlösen, eigentlich zweiundzwanzig, aber dafür bekommt er keine Quittung.

Sie bringt ihn lustlos aber sicher in den nächsten Staat, Indiana. 

Neben dem Chronisten sitzt Rory. Es dauert eine Zeit bis er in Schwung kommt. Ist dann aber froh darüber. Rory ist auf dem Weg nach Chicago. Dort wird er Juror sein für einen Highschool Wettbewerb in Spontanschauspiel, Kurzreden schreiben und auch vortragen und ähnliche Aufgaben. Er entscheidet sich für 12,5-12,5-75. Warum? Ja, er habe von Politik keine Ahnung, sei sich aber als irischer Katholik bei Jesus sicher. Ja, er wird im September wählen gehen.


Rory, einundzwanzig

Außer den Stopovers mit dem Bus, hat der Chronist Ohio übersprungen. Spielt aber auch keine Rolle. Jetzt ist er in Indiana, am Startpunkt South Bend und wieder Hans im Glück im Luxus. Ein Luxus, den ihm die Rezeptionistin mit ein paar Deutschbrocken und einem unschlagbaren Rabatt fürsorglich vermittelt hat. Er kann es noch gar nicht fassen und fürchtet fast den unvermeidlichen Absturz. Es kann doch nicht mit rechten Dingen so weitergehen. Fünfter Stock, modern, Blick vom Bett auf die Stadt, wieder eine sehr saubere, moderne Stadt und eine Stadt ohne Publikum.

South Bend, auch menschenleer; vielleicht sind alle in Indianapolis beim 108. Indy 500 und auch der Flaggenfahrer macht sich gerade auf den Weg

Nicht nur, dass die Rezeptionistin ihm ein schönes Zimmer vermittelt, sie schickt ihn auch noch in eine Bar, die er nie gefunden oder von der Außenansicht her aufgesucht hätte. Er wird da bestens mit Eintopfsuppe, Salat und IPA versorgt. Letzteres eine seltsam schmeckende Biersorte. Eine Mischung aus fruchtig und ziemlich bitter. 

Nicki, die Bedienung, gibt ihm 40-40-20 mit auf den Weg und sieht ihren Herzenswunsch, Respekt gegenüber allen LGBT-Menschen, am besten in den Händen von Mr. Biden aufgehoben.


Nicki aus der Oysterbar

Bis Morgen, vielleicht bis übermorgen, denn morgen hat der Chronist das Glück, wieder in bekannten Händen zu sein. Er übernachtet in Chicago bei der Schwägerin eines alten Freundes. Und die hat ein Programm angekündigt, das eine Berichterstattung im Anschluss vielleicht verhindert.


PS Diese letzten Zeilen verfasst er im Bett. Seine zweiteilige Reiseremington auf der Bettdecke. Das iPhone steht auf der Holy Bible. Im weichen Stoff würde es sonst umfallen. Er hätte auch gerne zur Abwechslung "The Book of Mormon" benutzt, aber mit dessen flexiblen Buchrücken funktioniert das nicht. Es macht wohl auf den Inhalt keinen Unterschied.

Donnerstag, 23. Mai 2024

TBJ_05 Vrooom, Toktok-Toktok - „You can‘t cycle on a Highway“

Das Leben ist schön. Besonders wenn man geduscht hat, in einem schönen, geräumigen Hotelzimmer unter weißen Laken liegt und nebendran ein Heißgetränk steht. Am Bild könnt ihr erahnen, was der Chronist meint. Er will nicht angeben, nur darstellen, was seine (bezahlbaren)  Möhren sind, die ihn auch mal Unbill aushalten lassen. Und davon gab es heute einiges. Der Chronist hat den ganzen Tag gekurbelt und muss nacherzählen. Und vorweg: Es gab keine überschüssige Zeit. Alles passte nahtlos ineinander.


Einfach schön; Suchbild mit Rennradfahrer im Badezimmer

Präsidententechnisch lief es interessant aber er will erst die Streckenbeschreibung abliefern. Direkt von seiner Bettenburg musste er auf die Autobahn. Nach seiner Einschätzung ein Highway, die höchste Kategorie Interstate ist kreuzungsfrei und das war Nr. 119 nicht. Natürlich ist reichlich Verkehr auf diesen Großstadt nahen Verbindungen. Das ist der Chronist gewohnt. Was er nicht so sehr gewohnt ist, ist die räumliche Einteilung. In Nordamerika fährt man nicht auf der Fahrbahn, sondern auf der Shoulder. Meist ein ziemlich breiter Streifen neben der weißen Markierung. In Fahrbahnnähe ist dann ein Rüttelstreifen gefräst, der die Träumer unter den Fahrern wieder auf Strecke bringen soll.


Auf dem Rüttelstreifen schlägt der Radlenker wie ein Maschinengewehr

Also ist der Streifen rechts neben dem Rüttelstreifen eher eine Sammelstelle für Schottersteine, Müll, Tierkadaver, Schrauben, Auspuffreste und Ladungsteile. Deswegen hält sich der Chronist gerne in diesem halbwegs sauberen, aber ziemlich schmalen Streifen zwischen weißer Linie und Rüttler auf. Geht auch ganz gut, nur muss man drauf achten, dass manchmal die Arbeitsfuge neben dem weißen Streifen schlecht oder gar nicht ausgefüllt ist und dann gerne den schmalen Rennradreifen wie eine italienische Erdbebenspalte einsaugt. 

So, das war jetzt etwas viel Detail, beschäftigte den Chronisten aber die ganzen 100 km. Vrooom, der Verkehr, das ist schon eine Zumutung, weswegen der Chronist so etwas auch nur allein machen kann. So richtig stört er ihn nicht. Er ist ja nicht allein auf der Welt. Und stellt auch fest, dass die meisten Fahrer, besonders die großen LKW ziemlich rücksichtsvoll, fast in britischer Höflichkeit ausweichen. Nicht alle. Tröstlich ist, dass nicht viel mehr als 100 km/h gefahren werden darf, was allerdings bei den großen roadtrain ähnlichen Lastwagen schon ziemlich Getöse verursacht, besonders, wenn sie dann noch die Motorbremse benutzen.

Auf der Autobahn durch Hügelland

Weil die Fahrbahn meist aus Beton ist, hat sie so ein bisschen den Charakter von der alten Reichsautobahn: Toktok-Toktok-Toktok. Es ist ordentlich umzu. Es stehen Häuser mit direkter Zufahrt neben der Trasse. Ihre riesigen Rasenflächen ums Haus sind bis an den Straßenrand perfekt gemäht. Man lässt nicht, wie im Westen, unbrauchbaren Hausrat oder Fahrzeuge einfach auf dem Grundstück stehen und von der Natur überwuchern. 

Es liegen ziemlich viel Kadaver auf der Fahrbahn, flattened fauna. Man ahnt manchmal gar nicht mehr, was da nun platt ist. Am Zahnschema kann man sagen: Raub- oder Nagetier, an der Hülle, ob Vogel oder Vierbeiner. Weil sie so unkenntlich platt sind, ist damit auch das Mitleid verschwunden. Was ganz anders ist bei großen Tieren, wie Hirsche, die meist noch ziemlich ganz sind und wohl auch weggeräumt werden, bevor sie ganz platt sind.

Zum Glück nur ein Polyester


Es hatte der Chronist ja einen Mordsrespekt vor diesem Abschnitt wegen der Länge und den angezeigten 1600 Höhenmetern. Aber das löste sich irgendwie in Wohlgefallen auf, obwohl er sogar noch Gegenwind hatte. Entweder war der zu lau oder die Luft hier ist dünner, er störte jedenfalls nicht sonderlich und auch das bergauf-bergab verlief eher zutsche. Das ist ja das Besondere in Nordamerika, dass die Straßen einen zügigen Grundriss haben und man sich bergab einfach auf den Lenker legt und laufen lassen kann. Dennoch wird dieses ständige auf und ab dem Chronisten den Schnitt verderben. Da sorgt schon die Physik mit dem Quadrat im Widerstand für. 

Und so lief es leidlich gut. Die Sonne wärmte ihn von hinten in der schwarzen Radhose den Porridge und das Rührei vom Frühstück noch mal durch. Das Scott knisterte leichtfüßig dahin und an dieser Stelle muss er sich ordentlich bei Freund Uli bedanken, der noch mal Technik und Bremsen gescheckt und hinten einen robusteren Reifen draufgemacht hat. Danke dafür.

https://www.relive.cc/view/vmqX3Qdo7o6


Das hat ihn jedoch nicht davor bewahrt, zweimal einen Plattfuß zu bekommen, vorzugsweise hinten. Einmal perfekt mit Sitzbank vor einem Selfstorage und zwei charmanten Schwarzen drinnen. Die eine meinte, wer mir denn das besorgt hätte. Der Chronist zeigte nach oben. Sie antwortet, ja, da wollte jemand, dass du eine Pause machst. Die war am Ende dann vergnüglich und erfolgreich. Nicht erfolgreich waren des Chronisten Flickkünste, weil nach ein paar Kilometern der Reifen wieder platt war. Diesmal im Gebüsch. Er hat es schließlich hinbekommen.


Muss auch mal sein, Ordnung halten im hohen Gras

Bevor er die ehemalige Stahlmetropole und Sportstadt Pittsburgh erobern konnte, handelte er sich noch einen, seiner Meinung nach ungerechtfertigten Verweis ein. Ein Pickup der Parkverwaltung hielt neben ihm und der schwarze Fahrer erklärte ziemlich aufgebracht: You can‘t cycle on a highway. Er kann schon und darf auch nach Lage des Internets, wollte jetzt aber seine Gastgeber nicht provozieren. Google Maps hatte eine Alternative und lieferte ihn in einer sauberen, interessanten und irgendwie schönen und ruhigen Stadt ab.


Pittsburgh, das Andy Warhol Museum wird er auslassen müssen, ohne großes Bedauern

Einmal fragen brachte ihm zum Marketsquare. Der hatte ein lebendiges Restaurant. Es gab gutes Essen, er traute sich zwei Bier der Marke Yuengling, was die Laune noch mal steigerte und fand dann schließlich den Weg in dieses schöne Bett. Allerdings erst nach dem er den Schlauch im Waschbecken erneut geflickt hatte.


Was lief präsidentschaftsmäßig? Im Inn war nicht viel los beim Frühstück. Die ältere, schweratmige Dame am Nachbartisch ließ sich nicht so richtig auf die Idee ein, war auch noch ziemlich beschädigt wegen einer Operation. Sie mag Mr. Trump nicht, ihr Mann schon, der allerdings so langsam seine Meinung ändere. 

Völlig anders verlief die Mittagspause. Der Chronist hatte an einer Ampel ein Restaurant gesehen und war regelrecht begeistert von dem Laden. Ein allerbestes Beispiel, dass es abseits der Ketten auch gute Läden gibt. Er bestellte sich eine Cola, die erstmal gut tut. Christa, die Bedienung, stellte ihm nicht nur die Cola hin, sondern auch Wasser und eine Schüssel selbstgemachte Kartoffelchips.


Der Cesarsalat dazu kostete genauso viel, wie der grüne Plastiktee in der Met

Der Chronist fasste sich ein Herz und fragte Bryan, den Chef des Ladens.

Bryan und Christa, Jesus kommt an erster Stelle mit unbedingt 100, und Trump soll Präsident werden

Bryan wünscht ihm von ganzem Herzen eine gute Reise. Beim Bezahlen fragt der Chronist schnell noch Christa, der Serviererin. Jesus muss nicht gewählt werden. Er ist sowieso da. Sie wünscht sich Trump. Spritpreise von um vier Dollar und Milch um sechs Dollar die Gallone ist für viele Menschen ein Problem. Und Mr. Trump hätte sich sehr darum gekümmert. Und so verlässt der Chronist ein Geschäft, das mit Herzblut diszipliniert und professionell betrieben, für die meist älteren Menschen dieser ländlichen Gegend ein Anlaufpunkt ist und sie mit bezahlbarem Essen versorgt. Die Betreiber werden Mr. Trump wählen. 

Eine ganz neue Mischung liefert Tioni, eine der beiden Damen vom Selfstorage, 2-5-93.


Tioni 2-05-93, wünscht dem Chronisten auch eine gute Reise

Gute Nacht zusammen. Morgen ist wieder Transittag im Greyhound. Diesmal mit umsteigen. Schaun wir mal.



Mittwoch, 22. Mai 2024

TBJ_04 Im Großraumtaxi in die Provinz

Moin zusammen, der Chronist kann quasi live berichten. Er muss ja nicht kurbeln. Sein erster Transittag im Greyhound. Die Gelegenheit zur Erholung. Gerade fragt er sich, wer überhaupt noch dran ist auf der anderen Seite. Es hat ja jeder sein eigenes Päckchen abzuarbeiten und derartig sensationelles wie einen Präsidentenabsturz mit dem Helikopter hat er nicht zu bieten. Er wird deswegen sein Backoffice in Todtenhausen um ein paar Screenhots der Statistikfunktionen vom Blog bitten. Also strengt euch an!


Am Morgen, mit dem großzügigen Frühstücksangebot des Hotels aus einem Kaffee und einem Gummidonat in der Hand, fragt er noch fix zwei Hotelgäste ab. Juana und Olivier. Sie ist aus Spanien und er aus Frankreich, Warum nicht auch Ausländern die Chance geben. So fix geht es dann nicht. Juana hält sich raus. Olivier hält nichts von Gefühlen in der Politik, so dass Jesus am Ende hier zum ersten Mal leer ausgeht: 10-90-0. Der Chronist denkt an Willy Brandt und kann sich nicht vorstellen, dass dessen besonderer Erfolg nicht auch aus seinen Gefühlen gespeist wurde. Vielleicht entwickelt in der Zeit, in der er aus Deutschland ausgesperrt in Norwegen im Exil leben musste. Auch Oliver hält Trump für einen unfähigen Politiker (an seine Zähne denkend verwendet der Chronist den Originalausdruck hier lieber nicht. Sein Blog ist ja auch in Englisch und er verteilt den Link auch hier bereitwillig). Olivier verblüfft ihn mit der Frage, welche Verteilung denn der Chronist vergeben würde und macht ihn damit sprachlos. Seine Antwort schließlich wird er hier erst nicht veröffentlichen. Was nichts mit den Zähnen zu tun hat.


Juana und Olivier, der Charme des Alleinreisens: Man geht auf andere zu; nicht im Bild das liebenswürdige Pärchen am Nachbartisch aus Neuseeland

Philadelphia ist eine Millionenstadt, eine Metropole. Sein Busdrehkreuz ist eine 50 m lange, verlauste und verlöcherte Stichstraße in einem verlassenen Gewerbegebiet. Keine Bank, kein Unterstelldach, keiner, der den Müll wegräumt. Mit den Worten seiner Lieblingsreklame von LIDL: Kann man so machen, muss man aber nicht! Am Publikum, das mit dem Chronisten auf die Busse wartet, ahnt man, dass es nicht sehr wesentlich zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Trotzdem hat es mehr verdient, als eine Haltestelle, die eher wie ein Drogentreff aussieht. Ich hoffe, der Bürgermeister liest das irgendwie und sollte dabei auch noch erfahren, dass Busfahren nicht billig ist; Für diesen 300 km Trip zahlt der Chronist 100 $.


Auch eine Art von Müllvermeidung: Die Kamera gen Himmel richten. Im Bild nicht der Bus des Chronisten

Das Fahrzeug schließlich tröstet ihn über dieses Ungemach nicht hinweg. Weil noch von der eher niedrigen Sorte, ist sein Keller nicht für den Stehendtransport des Rennrades geeignet.


Der Alptraumsatz aus alten Tagen: The bike has to be in a box! Eigentlich, sagt die Fahrerin

Dafür interessiert es die schwarze Fahrerin nicht, ob er dafür ein Ticket hat. Mit fünf Mitfahrern ist man eher wie in einem Großraumtaxi unterwegs. Was Wunder, wenn die Rahmenbedingungen so wenig appetitlich sind. Super Sitzabstand, sauber und bequem, einzig die streifenförmig beklebten Außenscheiben erlauben nicht viel mehr Ausblick als aus einem Gefangenentransporter. Von der Gegend ist der Chronist überrascht, der Highway schlängelt sich durch eine hügelige, satt grüne Landschaft, die ihn fast ein bisschen an die Kasseler Berge erinnert (für den englischsprachigen Teil: Eine Landschaft entlang einer berüchtigten Autobahnstrecke in Zentraldeutschland ;-))


Hinter gestreiften Gardinen

So allein und ohne konkrete Aufgabe schwankt der Chronist öfter in der Einschätzung, was er hier überhaupt macht und hofft wenigstens etwas unterhaltsam zu sein. Ja, warum macht er das? Man könnte auch die Gegenfrage stellen: Warum nicht? Warum nicht eigenständig, ziemlich frei, mit Neugier und der Bereitschaft sich anzustrengen und dabei offensichtlich schutzlos in der Welt unterwegs sein?

Er denkt ab und zu an diese Begegnung vor Jahren in seinem bayrischen Lieblingscafe, beim Tortenkaiser Winklstübl. An den alten Mann am Nachbartisch, mit dem sein Sohn einen dieser raren Ausflüge vom Alleinsein machte. „Wenn man so alt und unbeweglich ist wie ich, bleibt einem nur von der Erinnerung zu leben“. Ja, denkt der Chronist und da ist es doch gut einen ordentlichen Vorrat zu haben.

Schließlich hat er noch sein zehrendes Haustier, dass ihm wahrscheinlich eher den Garaus besorgt, als der gewöhnliche biologische Verfall. In einer so verkürzten Zukunft macht man am besten noch fix was geht. Und man macht es so schön man kann und mit aller Liebe, derer man noch fähig ist. Bloß am Ende nicht am falschen Ende sparen.


Jetzt, nach den ersten Tagen dieser besonderen Tour, wo ihm schon auch noch die Hose flattert wegen der Dauer und Anstrengungen, ahnt er, dass es außer Begegnungen, Muskelkater und Fleischklopsen auch noch etwas anderes gibt: Bildung. So ist er Alain sehr dankbar, für dessen Hinweis auf den Präsidenten anfang der siebziger Jahre, Richard Nixon. Ein harter Hund, eine Person, über den ein Mitbewerber einmal sagte: 


An seine Lügen wird man sich länger erinnern als an seine legitime Arbeit. Er war der unaufrichtigste Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin.


Das findet man in Wikipedia und man findet da auch den interessanten Hinweis, dass seine Erzfeindschaft gegen das mediale und politische Establishment und seine populistische Art zu reden, den geistigen Hintergrund für Mr. Trump oder Boris Johnson lieferten. Dabei hat er außerordentlich solide Dinge in seiner Amtszeit erledigt, wie eine erste Umweltschutzbehörde, eine Behörde für Arbeitsschutz, wie einen völlig neuen Umgang mit den Ureinwohnern. Der Chronist lag zu dieser Zeit in seiner persönlichen Entwicklung noch in den Windeln und unterlag zudem dem starken Einfluss linker Antikriegsaktivisten (die USA führten Krieg in Vietnam). Und so beschränkte sich seine Meinung zu Mr. Nixon auf den Spontispruch: Auch Nixon tut w…..

Alains Hinweis zielte auf des Chronisten Einschätzung, früher war mehr Liebe zwischen den Leuten. Wenn das so war, frage er sich aber, wie dann eine Person vom Charakter Mr. Nixons zu jener Zeit eine derart überwältigende Mehrheit für sein Präsidentenamt erzielen konnte? Ja, warum?!


Derweil ist sein Vordermann im Bus aufgewacht. Klar wird er die Frage des Chronisten beantworten, aber er möchte Gott nach vorne setzen. In seiner Reihenfolge und eigenen Währung heißt es: Jesus 110, Biden 80, Trump 75. Es gibt keinen Grund sich lustig zu machen. Irgendwie erscheint dem Chronisten diese Verteilung vernünftig abgewogen vorgetragen. In der hier verwendeten Reihenfolge und Zählweise würde es dann 28-30-42 heißen müssen.

Darryle

Das ist dann heute fast alles. In der kleinen Stadt Ebensburg hat ihn die liebenswürdige Busfahrerin herausgelassen. Während er sein Rennrad aus dem Keller puhlt, zündet sie sich zum dritten Mal ihren Zigarillo wieder an, tut ein paar Züge, streift ihn am Bordstein erneut aus, steigt mit einem „Take care baby“ wieder ein und rauscht mit dem fast leeren Fahrzeug von dannen. Der Chronist ist überrascht von der Sauberkeit der Stadt, von den alten Häusern aus rotem Klinkerstein oder Holz. Gar nicht sein Bild von Amerika, das er ja auch mehr im Westen geprägt hat. Es gibt eine Gaststätte mit einer ziemlich guten und bezahlbaren Speisekarte. Es fehlt aber an allen Ecken wie so oft heute in solchen Orten das Leben. 


Für die Nacht muss der Chronist den Ort verlassen und an die vierspurige Hauptstraße. Da kommt er in einem dieser Inns unter, Zimmer mit Abmessungen von Doppelgaragen. Also Rennrad mit hinein. Die Betten sind so groß, dass vierköpfige Familien drin übernachten könnten. Sie sind dazu mit Kissen überhäuft, die ganzen Schulklassen für wilde Schlachten ausreichen. Der Chronist wird in seinem Leben die Größeneinteilung nicht mehr lernen, was ist nun Queen und was King? Er genießt. Bis morgen. Munter bleiben.


Dienstag, 21. Mai 2024

TBJ_03 In die Wiege der Unabhängigkeit und des Philly sounds

Hallo zusammen und beste Grüße aus der geschichtsdurchtränkten Stadt Philadelphia. Es hat der Chronist Glück. Der Absturz aus dem liebenswürdigen Verwandtenhaushalt in die normale Hotelwelt war sanft. Er liegt in einem großzügigen, mit alten italienischen Möbeln ausgestatteten Hotelzimmer, fünfter Stock, ruhig, eigener großer Balkon.

Es liegt zentral in der Altstadt und ist bezahlbar. Was gestern fehlte, wurde heute morgen nachgeholt: Ein Gruppenbild.


Großcousine Nyasha, Tochter Nomsa, Papa Alain

Der Chronist hatte heute Begleitung. Vance, der Besuch von gestern, ihr erinnert euch 10-40-50, begleitete ihn. Oder besser gesagt, zog ihn bis kurz vor die Großstadt.

Gleich zu Anfang führte er den Chronisten über das Universitätsgelände von Princeton, auf dem er lehrt. Ein alter, ehrwürdiger, riesiger Komplex, eine kleine Stadt für sich, in der der Chronist auf gar keinen Fall leben wollte. Es waren 75 km bis Philadelphia, nicht viel. Aber nach dem langen Einstieg gestern und wieder diesem holperigem Kanaluferweg ließ er sich am Ziel ziemlich geschafft in einen sonnenbeschienenen Sessel sinken. Der stand neben dem Unabhängigkeitsgebäude an einer belebten Straßenkreuzung.

Am Unabhängigkeitsplatz ein Unabhängigkeitstee

Das Markenzeichen der Bar, zu der der Sessel gehörte, war die Musik: Phillysound rauf und runter. Ein Musikstil, den Leute aus dieser Stadt Anfang der 70er Jahre geprägt und weltweit berühmt gemacht haben. Manche werden wissen worum es geht, die anderen können hier mal reinhören:


Und wer‘s kann, tanzt dazu einen schönen Two step Nightclub.


Präsidentenmäßig hat der Chronist heute nicht viel zu bieten. Einen gelungenen Versuch und einen misslungenen. Dennoch waren sie intensiv. Katie bekannte sich als nicht religiös, verstand aber schließlich die Intention und kam auf 10-20-70.



Ihre wichtige Botschaft war: Dieses spezielle amerikanische Wahlsystem spült Leute an die Spitze, die in diesem Fall eigentlich keiner haben will. Es ahnt der Chronist auch aus den anderen Äußerungen, viele werden mit langen Zähnen wählen gehen!

Keinen Erfolg hatte er mit dem italienisch stämmigen Vermieter seines italienischen Großraumzimmers. Der fragte dauernd, ob der Chronist das Gespräch aufzeichne und wollte in das Handy und in sein verbeultes Brillenetui gucken. Nein, des Chronisten Frage sei eine unzulässige Vermischung, jeder glaube schließlich etwas anderes. Sein georgischer Angestellter was anderes als er und der Chronist wieder was anderes. So richtig einordnen konnte letzterer das ausweichende Verhalten nicht.

Was ihm heute passiert und so recht ungewohnt ist: Er hat Zeit übrig. Um drei Uhr nachmittags war er schon da, der nächste Akt passiert erst morgen früh um neun Uhr, wenn der Greyhound ihn nach Ebensburg bringen soll, dem kleinen Startort für die Großstadt Pittsburgh. Er könnte ja noch hier herumlaufen oder in das berühmte Kunstmuseum gehen. Aber dazu hat er zu wenig geschlafen, viel zu wenig die letzten drei Nächte, was oh Wunder nicht so wirklich durchschlägt. 

In Ebensburg wird er wieder Freizeit haben, weil der Bus um drei Uhr nachmittags da sein wird, der dritte Etappenstart aber erst am Folgetag stattfindet. Er wird sich was einfallen lassen.


Danke allen für‘s dabei sein, wer immer da am anderen Ende sitzt. Glück auf und gute Nacht.

https://www.relive.cc/web/view/vrqo5N87PKO








TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...