Mittwoch, 22. Mai 2024

TBJ_04 Im Großraumtaxi in die Provinz

Moin zusammen, der Chronist kann quasi live berichten. Er muss ja nicht kurbeln. Sein erster Transittag im Greyhound. Die Gelegenheit zur Erholung. Gerade fragt er sich, wer überhaupt noch dran ist auf der anderen Seite. Es hat ja jeder sein eigenes Päckchen abzuarbeiten und derartig sensationelles wie einen Präsidentenabsturz mit dem Helikopter hat er nicht zu bieten. Er wird deswegen sein Backoffice in Todtenhausen um ein paar Screenhots der Statistikfunktionen vom Blog bitten. Also strengt euch an!


Am Morgen, mit dem großzügigen Frühstücksangebot des Hotels aus einem Kaffee und einem Gummidonat in der Hand, fragt er noch fix zwei Hotelgäste ab. Juana und Olivier. Sie ist aus Spanien und er aus Frankreich, Warum nicht auch Ausländern die Chance geben. So fix geht es dann nicht. Juana hält sich raus. Olivier hält nichts von Gefühlen in der Politik, so dass Jesus am Ende hier zum ersten Mal leer ausgeht: 10-90-0. Der Chronist denkt an Willy Brandt und kann sich nicht vorstellen, dass dessen besonderer Erfolg nicht auch aus seinen Gefühlen gespeist wurde. Vielleicht entwickelt in der Zeit, in der er aus Deutschland ausgesperrt in Norwegen im Exil leben musste. Auch Oliver hält Trump für einen unfähigen Politiker (an seine Zähne denkend verwendet der Chronist den Originalausdruck hier lieber nicht. Sein Blog ist ja auch in Englisch und er verteilt den Link auch hier bereitwillig). Olivier verblüfft ihn mit der Frage, welche Verteilung denn der Chronist vergeben würde und macht ihn damit sprachlos. Seine Antwort schließlich wird er hier erst nicht veröffentlichen. Was nichts mit den Zähnen zu tun hat.


Juana und Olivier, der Charme des Alleinreisens: Man geht auf andere zu; nicht im Bild das liebenswürdige Pärchen am Nachbartisch aus Neuseeland

Philadelphia ist eine Millionenstadt, eine Metropole. Sein Busdrehkreuz ist eine 50 m lange, verlauste und verlöcherte Stichstraße in einem verlassenen Gewerbegebiet. Keine Bank, kein Unterstelldach, keiner, der den Müll wegräumt. Mit den Worten seiner Lieblingsreklame von LIDL: Kann man so machen, muss man aber nicht! Am Publikum, das mit dem Chronisten auf die Busse wartet, ahnt man, dass es nicht sehr wesentlich zum Bruttosozialprodukt beiträgt. Trotzdem hat es mehr verdient, als eine Haltestelle, die eher wie ein Drogentreff aussieht. Ich hoffe, der Bürgermeister liest das irgendwie und sollte dabei auch noch erfahren, dass Busfahren nicht billig ist; Für diesen 300 km Trip zahlt der Chronist 100 $.


Auch eine Art von Müllvermeidung: Die Kamera gen Himmel richten. Im Bild nicht der Bus des Chronisten

Das Fahrzeug schließlich tröstet ihn über dieses Ungemach nicht hinweg. Weil noch von der eher niedrigen Sorte, ist sein Keller nicht für den Stehendtransport des Rennrades geeignet.


Der Alptraumsatz aus alten Tagen: The bike has to be in a box! Eigentlich, sagt die Fahrerin

Dafür interessiert es die schwarze Fahrerin nicht, ob er dafür ein Ticket hat. Mit fünf Mitfahrern ist man eher wie in einem Großraumtaxi unterwegs. Was Wunder, wenn die Rahmenbedingungen so wenig appetitlich sind. Super Sitzabstand, sauber und bequem, einzig die streifenförmig beklebten Außenscheiben erlauben nicht viel mehr Ausblick als aus einem Gefangenentransporter. Von der Gegend ist der Chronist überrascht, der Highway schlängelt sich durch eine hügelige, satt grüne Landschaft, die ihn fast ein bisschen an die Kasseler Berge erinnert (für den englischsprachigen Teil: Eine Landschaft entlang einer berüchtigten Autobahnstrecke in Zentraldeutschland ;-))


Hinter gestreiften Gardinen

So allein und ohne konkrete Aufgabe schwankt der Chronist öfter in der Einschätzung, was er hier überhaupt macht und hofft wenigstens etwas unterhaltsam zu sein. Ja, warum macht er das? Man könnte auch die Gegenfrage stellen: Warum nicht? Warum nicht eigenständig, ziemlich frei, mit Neugier und der Bereitschaft sich anzustrengen und dabei offensichtlich schutzlos in der Welt unterwegs sein?

Er denkt ab und zu an diese Begegnung vor Jahren in seinem bayrischen Lieblingscafe, beim Tortenkaiser Winklstübl. An den alten Mann am Nachbartisch, mit dem sein Sohn einen dieser raren Ausflüge vom Alleinsein machte. „Wenn man so alt und unbeweglich ist wie ich, bleibt einem nur von der Erinnerung zu leben“. Ja, denkt der Chronist und da ist es doch gut einen ordentlichen Vorrat zu haben.

Schließlich hat er noch sein zehrendes Haustier, dass ihm wahrscheinlich eher den Garaus besorgt, als der gewöhnliche biologische Verfall. In einer so verkürzten Zukunft macht man am besten noch fix was geht. Und man macht es so schön man kann und mit aller Liebe, derer man noch fähig ist. Bloß am Ende nicht am falschen Ende sparen.


Jetzt, nach den ersten Tagen dieser besonderen Tour, wo ihm schon auch noch die Hose flattert wegen der Dauer und Anstrengungen, ahnt er, dass es außer Begegnungen, Muskelkater und Fleischklopsen auch noch etwas anderes gibt: Bildung. So ist er Alain sehr dankbar, für dessen Hinweis auf den Präsidenten anfang der siebziger Jahre, Richard Nixon. Ein harter Hund, eine Person, über den ein Mitbewerber einmal sagte: 


An seine Lügen wird man sich länger erinnern als an seine legitime Arbeit. Er war der unaufrichtigste Mensch, dem ich in meinem Leben begegnet bin.


Das findet man in Wikipedia und man findet da auch den interessanten Hinweis, dass seine Erzfeindschaft gegen das mediale und politische Establishment und seine populistische Art zu reden, den geistigen Hintergrund für Mr. Trump oder Boris Johnson lieferten. Dabei hat er außerordentlich solide Dinge in seiner Amtszeit erledigt, wie eine erste Umweltschutzbehörde, eine Behörde für Arbeitsschutz, wie einen völlig neuen Umgang mit den Ureinwohnern. Der Chronist lag zu dieser Zeit in seiner persönlichen Entwicklung noch in den Windeln und unterlag zudem dem starken Einfluss linker Antikriegsaktivisten (die USA führten Krieg in Vietnam). Und so beschränkte sich seine Meinung zu Mr. Nixon auf den Spontispruch: Auch Nixon tut w…..

Alains Hinweis zielte auf des Chronisten Einschätzung, früher war mehr Liebe zwischen den Leuten. Wenn das so war, frage er sich aber, wie dann eine Person vom Charakter Mr. Nixons zu jener Zeit eine derart überwältigende Mehrheit für sein Präsidentenamt erzielen konnte? Ja, warum?!


Derweil ist sein Vordermann im Bus aufgewacht. Klar wird er die Frage des Chronisten beantworten, aber er möchte Gott nach vorne setzen. In seiner Reihenfolge und eigenen Währung heißt es: Jesus 110, Biden 80, Trump 75. Es gibt keinen Grund sich lustig zu machen. Irgendwie erscheint dem Chronisten diese Verteilung vernünftig abgewogen vorgetragen. In der hier verwendeten Reihenfolge und Zählweise würde es dann 28-30-42 heißen müssen.

Darryle

Das ist dann heute fast alles. In der kleinen Stadt Ebensburg hat ihn die liebenswürdige Busfahrerin herausgelassen. Während er sein Rennrad aus dem Keller puhlt, zündet sie sich zum dritten Mal ihren Zigarillo wieder an, tut ein paar Züge, streift ihn am Bordstein erneut aus, steigt mit einem „Take care baby“ wieder ein und rauscht mit dem fast leeren Fahrzeug von dannen. Der Chronist ist überrascht von der Sauberkeit der Stadt, von den alten Häusern aus rotem Klinkerstein oder Holz. Gar nicht sein Bild von Amerika, das er ja auch mehr im Westen geprägt hat. Es gibt eine Gaststätte mit einer ziemlich guten und bezahlbaren Speisekarte. Es fehlt aber an allen Ecken wie so oft heute in solchen Orten das Leben. 


Für die Nacht muss der Chronist den Ort verlassen und an die vierspurige Hauptstraße. Da kommt er in einem dieser Inns unter, Zimmer mit Abmessungen von Doppelgaragen. Also Rennrad mit hinein. Die Betten sind so groß, dass vierköpfige Familien drin übernachten könnten. Sie sind dazu mit Kissen überhäuft, die ganzen Schulklassen für wilde Schlachten ausreichen. Der Chronist wird in seinem Leben die Größeneinteilung nicht mehr lernen, was ist nun Queen und was King? Er genießt. Bis morgen. Munter bleiben.


Dienstag, 21. Mai 2024

TBJ_03 In die Wiege der Unabhängigkeit und des Philly sounds

Hallo zusammen und beste Grüße aus der geschichtsdurchtränkten Stadt Philadelphia. Es hat der Chronist Glück. Der Absturz aus dem liebenswürdigen Verwandtenhaushalt in die normale Hotelwelt war sanft. Er liegt in einem großzügigen, mit alten italienischen Möbeln ausgestatteten Hotelzimmer, fünfter Stock, ruhig, eigener großer Balkon.

Es liegt zentral in der Altstadt und ist bezahlbar. Was gestern fehlte, wurde heute morgen nachgeholt: Ein Gruppenbild.


Großcousine Nyasha, Tochter Nomsa, Papa Alain

Der Chronist hatte heute Begleitung. Vance, der Besuch von gestern, ihr erinnert euch 10-40-50, begleitete ihn. Oder besser gesagt, zog ihn bis kurz vor die Großstadt.

Gleich zu Anfang führte er den Chronisten über das Universitätsgelände von Princeton, auf dem er lehrt. Ein alter, ehrwürdiger, riesiger Komplex, eine kleine Stadt für sich, in der der Chronist auf gar keinen Fall leben wollte. Es waren 75 km bis Philadelphia, nicht viel. Aber nach dem langen Einstieg gestern und wieder diesem holperigem Kanaluferweg ließ er sich am Ziel ziemlich geschafft in einen sonnenbeschienenen Sessel sinken. Der stand neben dem Unabhängigkeitsgebäude an einer belebten Straßenkreuzung.

Am Unabhängigkeitsplatz ein Unabhängigkeitstee

Das Markenzeichen der Bar, zu der der Sessel gehörte, war die Musik: Phillysound rauf und runter. Ein Musikstil, den Leute aus dieser Stadt Anfang der 70er Jahre geprägt und weltweit berühmt gemacht haben. Manche werden wissen worum es geht, die anderen können hier mal reinhören:


Und wer‘s kann, tanzt dazu einen schönen Two step Nightclub.


Präsidentenmäßig hat der Chronist heute nicht viel zu bieten. Einen gelungenen Versuch und einen misslungenen. Dennoch waren sie intensiv. Katie bekannte sich als nicht religiös, verstand aber schließlich die Intention und kam auf 10-20-70.



Ihre wichtige Botschaft war: Dieses spezielle amerikanische Wahlsystem spült Leute an die Spitze, die in diesem Fall eigentlich keiner haben will. Es ahnt der Chronist auch aus den anderen Äußerungen, viele werden mit langen Zähnen wählen gehen!

Keinen Erfolg hatte er mit dem italienisch stämmigen Vermieter seines italienischen Großraumzimmers. Der fragte dauernd, ob der Chronist das Gespräch aufzeichne und wollte in das Handy und in sein verbeultes Brillenetui gucken. Nein, des Chronisten Frage sei eine unzulässige Vermischung, jeder glaube schließlich etwas anderes. Sein georgischer Angestellter was anderes als er und der Chronist wieder was anderes. So richtig einordnen konnte letzterer das ausweichende Verhalten nicht.

Was ihm heute passiert und so recht ungewohnt ist: Er hat Zeit übrig. Um drei Uhr nachmittags war er schon da, der nächste Akt passiert erst morgen früh um neun Uhr, wenn der Greyhound ihn nach Ebensburg bringen soll, dem kleinen Startort für die Großstadt Pittsburgh. Er könnte ja noch hier herumlaufen oder in das berühmte Kunstmuseum gehen. Aber dazu hat er zu wenig geschlafen, viel zu wenig die letzten drei Nächte, was oh Wunder nicht so wirklich durchschlägt. 

In Ebensburg wird er wieder Freizeit haben, weil der Bus um drei Uhr nachmittags da sein wird, der dritte Etappenstart aber erst am Folgetag stattfindet. Er wird sich was einfallen lassen.


Danke allen für‘s dabei sein, wer immer da am anderen Ende sitzt. Glück auf und gute Nacht.

https://www.relive.cc/web/view/vrqo5N87PKO








Montag, 20. Mai 2024

TBJ_02 Simon Geschke, Time Square und Verwandtschaft kann wunderbar sein

Liebe Follower, der Tag hatte es in sich und war so recht nach des Chronisten Mütze. Er sitzt jetzt wohlbehütet im Bett seiner Großcousine in der Universitätsstadt Princeton. Rund 125 km hat er abgekurbelt und ist jetzt zufrieden wie ein satter Säugling.

Der erste Fahrtag dieses Vorhabens. Er hatte am Morgen die Mumie ausgepellt, sie war heile geblieben. Bereits im Zug nach Amsterdam hatte er das Talismangeschenk seines Partners Norbert zusammengebastelt: Simon Geschke vom Team Cofidis in Playmobil. Und natürlich gehört so etwas ans Rad. 


Simon Geschke als Gallionsfigur; war abends auch noch dran

Wie überhaupt der Chronist nicht auf sich allein gestellt ist. Alle wichtigen Menschen um ihn herum haben ihm ihren Segen für das Unternehmen gegeben und alles Gute gewünscht. Das trägt ganz ordentlich. Sehr ordentlich sogar! Dankeschön dafür.

Drei POI (Point of Interest) hatte sich der Chronist auf die blaue Linie gelegt und sie auch schön abgekurbelt. Davor gehörte natürlich ein Crossover im Centralpark dazu. Ein wirklich schönes Gelände inmitten der Stadt, voller Schlenderer, Sportler, Freizeitvergnüger.


Eines der letzten Werke von Zaha Hadid; Wohnhaus von 2017 hinter Chronist mit erster Kundschaft des Tages: Eileen und Paul

Nr. 1 ein Gebäude aus der Feder der faszinierenden Architektin Zaha Hadid. Das Haus lag neben einer umgewidmeten alten Eisenbahnhochstrecke. Er hat dem Ehepaar aus Connecticut davon erzählt und sie im Gegenzug um Antworten gebeten. Und siehe da, sie kamen wie gedacht. Geht doch. Eileen 0-40-60, sie hält Mr. Trump für schrecklich, Paul 10-30-60. Er kreidet Biden an, dass dieser die Grenzfrage so sträflich einfach aussitzt. Wegen des Fotos muss der Chronist noch ein paar Erklärungen abgeben, es wird am Ende aber gemacht und er gibt brav seinen Pappstreifen mit dem aufgedruckten Bloglink heraus. Wenn es ihnen nicht passt, sollen sie gerne eine Email schreiben.


Dann wird es so richtig nach des Chronisten Mütze. Er schwimmt im Verkehr durch das Herz der Stadt. Sex and the city der feinen Bürgerhäuser, der Farb- und Blinkerrausch des Time Square und als Nr. 2 der eher nüchterne Klotz des Empire State Building. An den Baustellen erkennt er: Der Dampf ist kein Touristendampf. Er ist Bestandteil eines Fernheizsystems.


Öffentliche Dampfreinigung und der Times Square

Und dann als Nr. 3 der elegante Flügelschlag des Path am World Trade Center. Hier kam dem Chronisten sofort Pipi in die Augen. Dieses federleichte unschuldig weiße Monument der Eleganz als Antwort auf den brutalen Anschlag von 2001.


Path Station zum Heulen schön

Für den Chronisten ein genialer Bau des spanischen Architekten Calatrava; für vier Milliarden Dollar kann man schon etwas hinstellen. 

Es ist die menschliche Fähigkeit als außerordentlich zu bezeichnen, über hunderte Kilometer hinweg aus dem Schreibtischsessel heraus mit Hilfe einer Drohne ein Auto, besetzt mit vermeintlichen Feinden, zu pulverisieren. Die Entwicklung solcher Waffen ist ähnlich teuer, die geistige Anstrengung ähnlich aufwändig. Der Chronist hält es lieber mit dem Gebauten, Gemalten, Geformten.

 

Die blaue Linie erzwingt die Benutzung einer Fähre nach New Jersey und führt ihn direkt zu einem ziemlich guten Omelett und neuer Kundschaft am Nachbartisch. Es scheint die Sonne, New York hat sich von einer guten Seite gezeigt, das Geschäft läuft, der Chronist ist glücklich.

Eine Mutter mit zwei Töchtern machen sich einen entspannten Sonntagvormittag. Der Chronist fragt höflich und erläutert sein Anliegen. Erst hat Mr. Trump null Chancen. Das Trio aus Patricia, Kim und Kerry einigt sich nach einigem Nachfragen des Chronisten aber auf 10-40-50 (Trump-Biden-Jesus).


Patricia und Kim; Kerry möchte nicht mit aufs Foto: Sie verzichtet wegen ihres Jobs!

Es folgen Ausfallstraßen, deren Ränder mindesten so vermüllt sind, wie viele in Italien, wenn nicht sogar wie in Afrika oder Südamerika. Manche Straßen sind von den betörend duftenden Blüten der Robinienbäume wie beschneit. Die Linie führt ihn auch durch diese Vororte mit ihren ordentlichen bürgerlichen Häusern, man sieht den Rasen davor sogar diagonal gemäht und die Kanten wie mit der Rasierklinge beschnitten. Je größer der Anteil des "Vor-" im Wort "Vorort" wird, desto weiter rücken die Häuser von der Straße ab und bringen schon mal eine dreißig Meter lange Auffahrt zwischen sich und der Öffentlichkeit.


Fast 40 km fährt der Chronist einen paradiesischen Feinschotterweg entlang eines Kanals. Aber selbst im Paradies kann es langweilig werden. Dass es nicht vollends dazu kommt, dafür sorgen Grobschotterabschnitte à la Paris-Roubaix und Finnegan mit seinem Begleiter Sam. Finnegan ist als Vollbikepacker unterwegs. Alles glänzt noch wie frisch aus dem Geschäft. Es ist Finnegans erster Abschnitt einer Einjahresauszeit, die ihn bis nach Argentinien bringen soll. Er macht mit und entscheidet sich für 0-20-80. So kann es auch gehen! Sam begleitet ihn nur diese Etappe und wird mit dem Zug nach Hause zurückkehren.


Finnegan auf dem Weg nach Argentinien; Bon Chance!

Der Chronist ist verabredet. Verabredet mit seiner Großcousine Nyasha und ihrer Familie.

Nyasha und Chronist 1992

Er freut sich, sich nicht erst in einem nüchternen Hotel einnisten und irgendwie noch nach Nahrung suchen zu müssen. Nein, er wird mit offenen Armen empfangen, mit grünem Tee, einer heißen Dusche und Terrassenabendessen mit Freunden. Princeton ist eine Universitätsstadt, seine Gastgeber und auch die Freunde sind Akademiker. Das ergibt mal eine ganz andere Richtung der Erzählung. Amüsant der Einwand von Alain, dem Ehemann, dass Jesus in dem Trio gar nicht auftauchen darf. Er sei zu früh gestorben. In den USA ist eine Präsidentschaft erst im Alter ab fünfunddreißig Jahren möglich! Die ganze Runde klärt den Chronisten dann noch auf, dass Jesus in den USA von den Rechten vereinnahmt wird, im weiteren Verlauf westwärts, also in dem Fragespiel, ganz anders interpretiert werden könnte. Das bringt den Chronisten wieder zu der Überlegung seiner Nichte: Wird er seine Zähne im Verlauf des Abenteuers behalten? Er ist optimistisch. Erfrischend sind die Prozentangaben der fünfzehnjährigen Tochter: 20-30-50!

Nomsa denkt praktisch


Nicht im Bild die Angaben von Lucia 0-70-30 und Vance 10-40-50. Vance ist Vielradfahrer und wird den Chronisten morgen ein Stück begleiten.

Danke für eure Begleitung hier. Gute Nacht


https://www.relive.cc/view/vmqX3pejgL6

Sonntag, 19. Mai 2024

TBJ_01 New York, erstmal in die Oper

Der Chronist ist angekommen. In dieser so berühmten Stadt, Wie vor ihm vor langer Zeit Millionen mit wenigen Habseligkeiten und vielen Träumen, heute Millionen mit besserem Gepäck und wenig Zeit und er eben mit Mumie und einem 4,4 kg schweren Rucksack.


Mit Mumie und dem Nötigsten noch in der Weltstadt Bünde

Jetzt muss er liefern. Na ja, am ersten Tag ist nicht viel zu erwarten: Außerdem muss er sich auch erst mal eingrooven. Eigentlich war auch keine Zeit. Nachdem Delta Airlines ihn präzise und bestens versorgt am J.F Kennedy Flughafen abgeliefert hatte, war der Landeseintritt eine mittlere Katastrophe. Noch nirgend hat der Chronist so lange Schlange gestanden. Fast drei Stunden schob er sich mit hunderten Anderen in Schlaufenbewegungen zu einem der fünfzig Immigrationsschalter. Als er dann mit Skytrain und U-bahn das Hotel erreicht hatte, musste er gleich weiter. Er hatte nämlich ein Opernticket. 


Weil eine U-Bahn gerade wegen maintanance nicht fuhr sprang er filmreif für die letzten Meter in ein Taxi und musste grinsen, als hier im Herzen der Stadt auch filmreif Dampf aus den Gullys waberte. Er fragte sich, ob das noch einen realen Hintergrund hat oder schlicht für die Touristen gemacht wurde. Mit dem Einsetzen des ersten Tones konnte er sich in den samtroten Sessel plumpsen lassen.  

Eigentlich belohnt man sich ja zum Schluss, aber er wird wohl so schnell nicht wieder herkommen. Im Royal Opera House von London hat er vor über zwanzig Jahren seine späte Liebe für schöne Opern in schönen Opernhäusern entdeckt. Da hat er sich gedacht, er schaut mal bei der Met vorbei, der Oper von New York.


Die Met

Dort gaben sie für ihn gerade passend die meistaufgeführte Oper der Welt: Carmen, und die hat er noch nicht gesehen. Um es kurz zu machen: das Haus ist imposant, das Publikum bunt gemischt, aber Carmen kam nicht nach seiner Mütze daher. Ein Bühnenaufzug in der Jetztzeit irgendeines fiktiven Gewaltstaates. Also hat er die Augen zugemacht und die unfassbar reine, feine Musik genossen. Wie schafft man es, Räume zu bauen und Orchester zu formieren, die so perfekt sind? 

In der Pause fasste er sich dann ein Herz bei Natalia und Victor. Victor hielt ihm gleich zwei Kurzvorträge, warum Mr. Biden alles besser weiß und warum Mr. Trump nicht verurteilt werden wird. Der Chronist hakte noch mal nach wegen Jesus. Ja, ne, Politik und Religion könne man nicht vermischen, das fand auch Natalia. Beide haben die Intention nicht verstanden oder der Chronist hat unbeholfen gefragt. Es hat trotzdem Spaß gemacht.


Natalia, Victor bereitwillig mit dem Chronisten

Er hatte es auch schon im Flugzeug bei seinen Sitznachbarinnen versucht, Mama und Tochter aus Deutschland. Aber die Tochter hatte gar keine Meinung und die Mama nur zu Trump, den sie für nicht zurechnungsfähig hielt.


War die U-bahn zur Oper uptown rappelvoll, war sie es nach Mitternacht auf dem Rückweg ebenfalls. Ein altes Verkehrsmonster, das sich laut kreischend durch die mehr als hundert Jahre alten Nietkonstruktionen frisst. Das er sich im Herzen der Stadt bewegt, ahnt er nur an der Wagenbeschriftung.


Voll hin, voll zurück



Unter dem Zentrum


Dienstag, 16. April 2024

TBJ Vorspann

Guten Tag zusammen,

der Verfasser dieser Zeilen, der sich gerne als Chronist bezeichnet (was er im Sinne des Wortes ja auch ist), freut sich, dass ihr reinschaut. Hoffentlich ist und bleibt es über die ganzen Seiten interessant genug, dass ihr nicht abreißen lasst. Kommentare und Mecker gerne. Besser machen geht immer!

Fragmentarische Welterkundung hieß mal eine seiner Lieblingssendungen im Radio. Willkürliche Orte auf der Welt wurden erzählerisch und mit Tondokumenten vorgestellt. Eine wunderbare Sendung, die seltsamerweise nicht mal im allwissenden Netz eine Erwähnung findet; sie wird mit Sicherheit in den Archiven des Senders schlummern. Ihr Charakter passt zu dem, wie der Chronist gerne in der Welt unterwegs ist. Kombiniert mit seiner Lieblingsvariante der Bewegung, nämlich mit dem Rennrad und leichtem Gepäck. So war er schon in allen Himmelsrichtungen – siehe Bild 1.

Bild 1 Silbermond: Es reist sich besser mit leichtem Gepäck

"There is always a story to tell" (The Jaiy twins). Dieser Satz stamme von ihrer Mama, erzählen dem Chronisten zwei schwarze Tänzerinnen in einem BBC Clip. Ja. Und wenn man sich Mühe gibt, kann sie sogar vergnüglich oder wenigstens interessant sein. Er nimmt es als Ermunterung für diese Tour und er will sich Mühe geben. Die Geschichte, die er erzählen möchte, ist die von den Menschen der Vereinigten Staaten, die ihm auf seiner Reise mit leichtem Gepäck über den Weg laufen und ihm Auskunft geben zu einer bestimmten Frage: Trump, Biden oder Jesus. Was wollt ihr überhaupt für einen Präsidenten haben? 

Die Idee dazu stammt von einem Vorläufer einer solchen Reise nach Großbritannien, wo den Chronisten die Neugier umtrieb: Brexit? Dafür oder dagegen? Es entpuppte sich zwar als anstrengend aber auch als überaus charmante Art des Reisens. Die Menschen, die einem begegnen, zu fragen, auf wessen Seite sie stehen. Keiner hat sich verweigert. Eher noch wurden ausführliche Begründungen mitgeliefert (bis hin zu einem Küsschen). Aber diese Reise war Privatvergnügen und nicht so sehr für die Öffentlichkeit gedacht. Es erschien ein Artikel in der Tageszeitung und der Chronist führte einen Blog (http://brexitornottobrexit.blogspot.com/)Doch diese Idee zog eine andere nach sich. 

Der Reihe nach. Der Schreiber stieg 2020 eines Tages, nachdem die Produktion seines Reiseberichtes Nach Süden abgeschlossen war, die ausgetretene Holztreppe hinauf, um der Künstlerin der Buchgestaltung ihren Lohn zu bringen. Eine erhebende Routine am Ende einer immer spannenden und erfreulichen Zusammenarbeit. Und er fragte sich dabei, was er ihr wohl als nächstes antragen würde. Es liegen ja einige geografische Spielereien auf seiner Maschine. Er verwarf alle davon. Es sollte auf keinen Fall irgendwas sein, er wollte ihr schon etwas bieten. Er brauchte genau alle dieser einfach schwarz übergestrichenen, von hunderttausend Sohlen ausgeformten Treppenstufen, die sich um den alten Käfigfahrstuhl herum in die erste Etage schwingen. Unbefugten ist der Zutritt verboten steht über der Tür. Hier war ihm klar, was es sein sollte: Nach Westen fehlte noch. Noch einmal England wäre langweilig. Also in die USA. Einige Sofasitzungen danach stand der Plan. Es würde die bislang längste und vermutlich auch herausfordernste Reise mit leichtem Gepäck. Dann kam Corona und die USA ließen niemanden hinein. Und der Plan rückte auf der Unternehmungsliste nach hinten. So weit nach hinten, dass er fast schon keinen echten Willen mehr verspürte, sich diesen Kraftakt anzutun. In diesem Jahr 2024 brauchte der Chronist ein Projekt, um nicht durchzudrehn. Und da kam Nach Westen II gerade recht.

Einmal quer durch die USA, ungefähr entlang des 38. Breitengrades hat er die Route gelegt. Einmal von Ost nach West. Er will entlang dieser gedachten Linie nicht nur Landschaft, Architektur, Verkehr und Geschäfte beobachten, Schlaglöcher und Berge erfühlen, Vegetation und Auspüffe riechen, nein, er will mit den Leuten reden, weil er neugierig darauf ist, warum sie gerade so drauf sind wie sie drauf sind. Die einen mögen keine Einwanderer, hassen Demokraten und möchten in diesem Land des unendlichen Fortschritts die biblische Schöpfungsgeschichte zur amtlichen Wahrheit erheben, die anderen pinkeln dem (ehemaligen) Präsidenten Trump kleinkariert ans Bein, haben für die etwas aus der Form geratene weiße Landbevölkerung den Begriff White Trash kreiert und steigen über die überall lagernden Obdachlosen ungerührt hinweg, um bei Whole Foods ihren überteuerten organic Einkauf in zweifach ineinandergesteckte organic Papiertüten zu verpacken. Es ist ja reichlich von allem da. 

Der Chronist ist nicht einer von dieser Sorte der Rennrad-Ultras, die in Race-across-America den Kontinent in einem Zeitlimit von 300 h durchqueren. Erstens ist er zu alt, zweitens kein Athlet im Allgemeinen, und drittens passt das nicht zu seinem Vorhaben. Seine Träume und Fähigkeiten sind anders verteilt. Es ist das eine sich quälen zu können und das andere im Wechsel obendrein zu genießen und dabei in beidem neugierig auf die Welt zu sein. Er hat dank guter Freunde beides gelernt, wird sich also durchaus quälen aber auch genießen und freut sich schon auf die Ankünfte in den Weltstädten. Während die Wettbewerber in den Peletons der großen Radrennen bei der Zielankunft mit Adrenalin überhäuft werden, ist es beim Chronisten eher die Ankunft in einer Großstadt, die ihn flasht. Da, wo ihm die blaue Linie auf dem Lenker einen Weg weist, den er sich im rauschenden Verkehr mit seinen vielen Spuren und seinen unterschiedlichsten Verkehrsmitteln mit den vielfältig angelegten Charakteren hinter ihren Lenkrädern erkämpfen muss. Und das immer mit Selbstbewusstsein und erhobenem Haupt. Auf keinen Fall rumeiern, dann kommt man unter die Räder. 

New York, Philadelphia, Chicago, Denver, Las Vegas und San Francisco machen ihm den Mund wässrig. Weniger die Aussicht, dass er sich auf dem frühstücksbrettharten Sattel nicht ewig von Rindfleischklopsen zwischen Pappbrötchen ernähren kann. Zwanzig Tage hat er Zeit. Die blaue Linie, die der Chronist kurbeln wird, ist also nicht durchgehend 5000 km lang, sie besteht aus Teilstücken – siehe Bild 2 und wird ihm auch so genug Kontakte mit dem Land vermitteln. Die Zwischenstücke überbrückt er mit dem Greyhound Bus, der Bahn oder dem Flugzeug. Das verlangt eine ausgefeilte Planung und birgt etwas Stress, weil der Chronist an Fahrpläne gebunden ist, an die man sich tunlich hält, wenn man weiterkommen will.

Bild 2 Entlang des 38.

In Alt-England war die Fragestellung einfach: Brexit, dafür oder dagegen? Alles andere ergab sich von selbst. Doch was wollte er jetzt den Busfahrer, die Dame an der Rezeption, den Friseur oder den Farmer, bei dem er sich die Wasserflasche auffüllt, fragen? Was wäre kurz und selbsterklärend genug, sein Gegenüber erahnen zu lassen, worum es ihm ging. Und würde ihm obendrein ein Fenster auf den Ausgefragten aufmachen, das erahnen ließe, warum er so ist wie er ist. Persönliche Antworten, Erklärungen zu bekommen, die über das hinausgehen, was dem Schreiber die Tagesschau, die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel oder andere Nachrichtenquellen vorsetzen. Und nebenbei mit dieser Frage als Taschenlampe einen Blick auf einen völlig fremden Menschen zu erhaschen. Den er deswegen schon nicht mehr vergisst, weil er ja darüber berichten will. Für lange Small Talks hat er keine Zeit, sie sind auch nicht sein Ding. Welche zwei oder drei Stichwörter würden auf die Universen hinweisen, denen sich seine Gegenüber verschrieben haben und sie gleichzeitig genug aufmuntern, sich dazu zu äußern? 

Trump, Biden, Jesus!?

Trump oder Biden, schwarz oder weiß. Für wen bist du? Kann der Chronist aus seinem Gegenüber nicht noch ein wenig mehr herauskitzeln? Gibt es nicht in jedem noch eine andere Quelle, die sein Handeln in der Gesellschaft beeinflusst? Ist in den Menschen nicht doch mehr als nur die Festlegung auf einen dieser beiden Pole? Hat nicht jeder in einem tiefen Inneren Gefühle abseits davon? Gefühle, die hinüberreichen, hinüberreichen zu den Anderen, den Reichen, den Konservativen, den Kiffern, den Waffenträgern, den Nerds, den Kindern, den Farmern, den Soldaten und den Mindestlohnempfängern, den Gottesanbetern und den vielen Dicken. Der Chronist ist überzeugt davon und führt deswegen sein Sinnbild für Menschenliebe in das Fragespiel ein: Jesus. Er wird einfach nach diesen Dreien fragen und wird sehen, was dabei herauskommt. Und um Zwischentöne zuzulassen, wird er dem Gegenüber folgende Option eröffnen: Wenn er sich den neuen Präsidenten selbst zusammenbasteln dürfe, wie viel Prozentanteile solle jener von den drei Persönlichkeiten am Ende enthalten? Und das eben in zwanzig Tagen, zehn davon im Sattel, der Rest geht für An-Abreise und die Zwischenstrecken drauf. 

Danke schon mal für das Folgen bis hierher.

Und besonderen Dank an Lea Büsing für die Durchsicht, Aufbereitung und Veröffentlichung im Heimatstützpunkt Todtenhausen.

TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...