Sonntag, 2. Juni 2024

TBJ_14 38°, nicht Breite, Celsius!

Hallo in die Runde. Der Chronist hofft mal, dass das Wetter, wo es euch gerade trifft, einfach mal angenehm ist. Bei ihm sieht das anders aus. Er ist in mehrfacher Hinsicht im Vorhof der Hölle gelandet: In Mesquite, einhundertdreißig Kilometer von Las Vegas entfernt. Er kam gegen halb vier hier an, mit einer Stunde Zeitgewinn, der letzten auf dieser Reise und stieg aus dem Bus in eine höllenheiße Luft. Der schwarze Asphalt des Parkplatzes setzte der amtlichen Lufttemperatur noch mal ein Krönchen auf. Er hat seine Querung des Kontinents auf 38° ausgerichtet, aber Breite und nicht Celsius!


Wie kommt man als Dicker damit klar?

Jetzt schleicht sich doch etwas Panik ein wegen morgen, er hat nicht nur den Wind als Gegner sondern auch noch das Thermometer.


Je weiter nach Süden, je kleiner der Bus

Er machte erstmal etwas umständlich auf dem Parkplatz seine Maschine fertig, der Mann der ihm dabei zuschaute, kam aus Dortmund und war mit einem Leihwagen unterwegs. Er hatte auf seiner Rundreise extra hier angehalten, die Mannschaft seiner Heimatstadt gegen Real Madrid verlieren zu sehen. Irgendwie seltsam, wie sparsam Landsleute im Ausland manchmal in der Rede sind. Auf Nachfrage schickte er den Chronisten  um die Ecke in ein Riesenhotel mit angeschlossenem Casino, wo er an der Rezeption eine andere Vorhölle gewahr wurde. Ein riesiger Raum voller bunter Spielautomaten. 


Wer denkt sich so etwas aus? Wie kann man darin Stunden, Tage verbringen?

Damit hatte er erst in Las Vegas gerechnet. Wie Kinder auf das Smartphone starrten Frauen und Männer auf die blinkenden Scheiben. Keine zehn Minuten möchte der Chronist mit ihnen tauschen. Oder sollte er es doch einmal versuchen? 

Das Hotel ist billig, weil die Zimmer vermutlich von den Spielautomaten mitfinanziert werden. Er kann sogar in einem größeren Pool den Körper einmal entspannen. Mesquite liegt schon in Nevada und ist Grenzstadt zu Utah. Da ist Glücksspiel verboten, da heißt die größte Bank ja auch Zion Bank!


Politisch hat der Chronist heute nichts zu bieten. Er ahnt sowieso, dass es langsam langweilig wird. Es würde vielleicht interessanter, wenn es ihm gelänge, an mehr Geschichte seiner Gegenüber zu kommen. Menschen sind immer interessant.

Er möchte gerne noch zwei Dinge zu heute erzählen. Fast direkt von seinem Hotel fuhr eine Straßenbahn ihn für wirklich kleines Geld die 22 km zum internationalen Flughafen von Salt Lake City, von wo der Bus startete. 


Stadtrundfahrt für kleines Geld, die Mehrheit fährt dennoch  Auto

Und er konnte in Ruhe diese großzügige, grüne, moderne Stadt genießen und über den brandneuen, schicken Airport staunen.

Dann hat er über sechs Stunden in zwei verschiedenen Bussen gesessen und noch einmal wieder unter die Nase gerieben bekommen, wie riesig das Land ist und wie menschenleer. 


Links aus dem Fenster, rechts aus dem Fenster

Besonders hier, wo die Natur so menschenfeindlich ist. Mageres Trockengras, Salbeibüsche, mannshohe Sträucher, die der Chronist aus dem Bus nicht identifizieren kann. Und doch zwischendrin immer mal wieder große Industrie- oder Gewerbeanlagen.


Es hat der Chronist in Peggy Sue‘s 50 Style am Ende des Tages Angstessen zu sich genommen, im Supermarkt Nüsse und Wasser gekauft und etwas Schokolade, die zum Schreiben gut tut. Der Wecker steht auf vier Uhr morgens, um kurz nach fünf geht die Sonne auf. Da muss er schon auf der Interstate rollen. Er will ja auch unbedingt zum Atomic Style Friseur in Las Vegas vor Ladenschluss sein. 

Machts gut. 

Samstag, 1. Juni 2024

TBJ_13 Salt Lake City: 12 Punkte

Der Chronist ist heile in dieser besonderen Stadt angekommen und beschließt spontan die Höchstpunktzahl des Bewertungsschemas Eurovision zu vergeben. Er hat heute irgendwie besonders Glück gehabt, einschließlich der weißen Laken in dieser Orgie aus Marmor, Kristall und Teppich (die Zimmer waren schon etwas bescheidener).


Little America, kannte er bisher nicht, bezahlbar

Heute morgen hat er ziemlich geklüngelt. Es war einfach zu kalt draußen. Zwar schien die Sonne, aber es war frisch.

Keine Temperatur für alte Männer

Es war dieses Motel alt aber sauber und der Betreiber eine interessante Figur. Der Chronist kommt nicht drauf, an welchen amerikanischen Film und an welchen Schauspieler darin er ihn erinnert. Eher klein, glatt nach hinten gegelte, schwarze Haare, ein freundliches Gesicht und geht nicht aus Altersgründen mit einem Krückstock. Vielleicht kann die Leserschaft weiterhelfen. Es gibt ein besonderes Frühstück auf altem, schönen Porzellan (das Hobby seiner Frau).


Der Chronist nimmt sich das Frühstück mit aufs Zimmer, weil es gleich eine Pressekonferenz geben soll mit Mr. Trump. Dieser wurde gerade frisch in allen vierunddreißig Anklagepunkten in New York für schuldig befunden. Der Chronist sieht Mr. Trump zum ersten Mal in einer längeren Sequenz. Er versteht nicht alles, aber was er mitnimmt: Mr. Trump ist ein begabter Geschichtenerzähler. Dieser Morgen war die erste Gelegenheit, dass der Chronist das Fernsehen angemacht hat. Vor Trump sah er einen Kanal, in dem ein Jesse Kelly in seinem eigenen Kanal America on fire den Leuten weiß machen will, dass es sowohl in den Verwaltungen und bei Gerichten eine kommunistische Verschwörung gibt, als dass auch draußen sogenannte Straßenkommunisten agieren, die von den Intellektuellen gesteuert und finanziert werden. Auf einem anderen Kanal erläuterte ein runder Tisch aktuelle Geschehnisse mit Bezug zur Bibel und lies Publikumsfragen zu. Allen ist eine ziemliche Uniformiertheit gemein, die in Betonfrisuren ihre Vollkommenheit findet.

Donnerwetter, dachte sich der Chronist, haben die nichts besseres zu tun und kann man davon leben?  Und, da kann man als gemeiner Bürger eine Menge Zeit vorm Bildschirm verbringen und am Ende noch geistig ins Schleudern kommen.


Es war zwischendrin so warm geworden, dass er erleichtert den Fernseher ausschaltete und sich auf den Weg machte. Wegen dessen Besonderheiten musste noch einmal der Walmart dran und dann ging es wieder auf die Autobahn. 

Er überschritt wieder eine Grenze. Utah, genauso baumlos, aber farbiger. Warmtonige Felsformationen begleiteten die dem Tal folgenden Linien der Eisenbahn und der Interstate. 


Die Wiese ist ein Erdhörnchenparadies

Anders als in Wyoming, darf in Utah achtzig Meilen in der Stunde gefahren werden. Es knattert und jault deshalb noch ein bisschen mehr.


80 mph

Was dem Chronisten gestern so Respekt einflößte, nämlich diese lange Strecke ohne Versorgung, verdunstete ins Nichts. Er war schneller dadurch als er Hunger entwickeln konnte.

Wie ein Mirakel tauchte dann in dieser Bergwildnis neben der Straße unter anderen Angeboten der Versorgung ein Whole Food Supermarkt auf. Ihr erinnert euch vielleicht, diese Kette von Amazon, die es auf die sehr gut betuchte, earthfriendy und organic orientierte Kundschaft abgesehen hat. Der Chronist geht immer mit Widerwillen hin, muss aber gestehen, dass der Kaffee perfekt und die Muffins ziemlich herausragend sind (was er von der Haushaltsfolie fürs Rennradeinpacken nicht behaupten konnte). 


Er setzte sich mit Kaffee und Süßem in die Sonne und in den Weg von Anya. Anya war am Rad und an der Idee interessiert und klärte den Chronisten über den Grund der Ansiedlung dieses Whole Foods mitten im Gebirge auf. Er befände sich in Park City. Ein berühmter Ski- und Sommersportort, vergleichbar mit Aspen. Das erklärte auch die Anwesenheit der Porsches, Audis und der ganzen Palette Infinitys. Hier könne man sich nur als Millionär das Leben leisten. 


Anya schwärmte dem Chronisten von Salt Lake City vor, von der Universität, den Salzseen und anderen Vorzügen, die er vergessen hat. Sie wußte über die Luftqualität der Stadt und erzählte, dass Utah im Moment der begehrteste Staat für die Rohstoffindustrie ist. Sie amüsierte sich sehr über des Chronisten Frage und lieferte mit Überzeugung 0-0-100, obwohl sie nicht gläubig ist. 


Anya, weiß viel, hat keinen Beruf, lehrt Ski, Moutainbiken und passt im Moment auf das Haustier eines Freundes auf

Nach Park City musste der Chronist noch mal klettern. Es fiel ihm nach einhundert Kilometern in den Beinen schwer und der Verkehr nahm noch mal auf vier Spuren zu. Aber er kannte ja den Längsschnitt!

Von jetzt an nur bergab

Mehr als fünfundzwanzig Kilometer bergab ohne Bremsen, nur bei den Aus- und Einfahrten den rückwärtigen Verkehr beachten. Um fünfzig Stundenkilometer kamen dabei rum, einschließlich laut gegrölter Lieder. Salt Lake City lud den Chronisten regelrecht ein. Glatte, großzügige  Straßen und Grünanlagen. 

https://www.relive.cc/view/vdvmJgK8jxO

Ein junger Mann schickte ihn für den Ankommerdrink in die Whiskeystreet. Weil er mit dem Türsteher des Lokals seiner Wahl nicht klar kam (es sei Gesetz, dass man in Utah vor dem Eintritt in Bars seinen Ausweis zu zeigen hat, in Wirklichkeit passte ihm das Gesicht des Chronisten nicht) wechselte er um die Ecke zu Jazz, Soul und Bier, ohne Ausweis und Türsteher.


Livemusik

Natürlich fällt der Chronist mit Rennrad und seiner Kleidung an diesem Feierabend am Freitagnachmittag unter den Gästen auf. Katie freute sich wie eine Schneekönigin über die Idee des Chronisten und hatte 0-0-100 und eine Umarmung für ihn. 


Respekt! Man beachte noch die Beigabe aus Schnaps. Im Uhrzeigersinn: Katie, Elizabeth, Morgan. Alle arbeiten im Gastgewerbe

Am Nachbartisch ist man nicht weniger freundlich und offen und gibt gerne Auskunft.


Andrew 0-10-90, Jeremy 0-80-20 und Steve 0-0-100

Sie alle sind Rechtsanwälte. Jeremy und Steve sind verheiratet und haben Kinder. Steve gab zu, dass der Prozess und der Schuldspruch gegen Mr. Trump auch einen politischen Hintergrund habe. Das sahen wohl auch Mr. Trumps Anhänger so, weshalb sie mal fix just nach dem Schuldspruch weit über dreißig Millionen Dollar spendeten und das wohl nicht nur in großen Teilbeträgen. 


Erst wollte der Chronist hier in der Stadt zum Friseur. Aber jetzt wartet er auf Empfehlung Andrews bis er in Las Vegas ist. Er soll dort die Atomic Style Lounge probieren und hofft, dass der Name Programm ist.


Es war ein besonderer Tag. Gute Nacht zusammen. 

Donnerstag, 30. Mai 2024

TBJ_12 Einfach mal die Fresse halten

Entschuldigung. Der Einstieg ist pöbelhaft und der Chronist hofft dennoch, dass die AI auch eine treffende Übersetzung für den englischsprachigen Teil findet. 

Der Chronist sitzt erneut im Greyhound, den er in Denver ohne Mecker besteigen durfte. In einem Muster von Busstation mitten in der Stadt, im Keller des alten, majestätischen, ausgezeichnet renovierten Amtrak Bahnhofes. Er ist heute bei weitem nicht alleine, sondern in illustrer Gesellschaft. 



Das kann Stunden dauern, tat es auch. Am Ende den Ausstieg verpasst und zu weit gefahren


Alle werden von der resoluten Busfahrerin barsch und eindringlich ermahnt, Kopfhörer zu benutzen. „Keiner will hören, was du hörst!“ An der nächsten Haltestelle verkündet sie zehn Minuten Pause. „Glaub ja nicht, ich fass dich drinnen (Raststätte) bei der Hand und erzähl dir, die zehn Minuten sind um.“


Zuckerwasser Melkstand, bei so viel Auswahl können zehn Minuten schon mal eng werden

Warum diese rotzige Überschrift? Sie kam dem Chronisten vor einer Weile und will ihn nicht verlassen. Er sitzt heute neun Stunden im Bus, er hat schon viele Stunden im Bus gesessen und das Land betrachtet, er hat einige Entfernungen körperlich abgemessen und Google Maps ist seine tägliche Lektüre. Jetzt schaut er aus dem Fenster und sieht wieder Landschaft ohne Ende und denkt sich: Was ein riesiges Land! 


Land, Land, Land, von Denver nach Fort Laramie

Es ist ja nicht nur riesig von der Fläche her, da ist Kanada ja noch größer. Es ist auch politisch riesig durch die Anzahl Menschen darauf. Dreihundertdreißig Millionen sind dreihundertdreißig Millionen Individuen mit unterschiedlichen Interessen in ganz unterschiedlicher Umwelt. Der Chronist versteht ein bisschen vom Funktionieren von Organisationen und er hat allergrößten Respekt davor, es hinzubekommen, dass so viele Individuen wenigstens halbwegs friedlich gemeinsam einer Idee folgen, dazu Arbeit haben, satt werden, Transportmöglichkeit finden und in etwa nach ihren Vorstellungen ihr Leben gestalten können. Ob nun Mr. Trump oder Mr. Biden, man kann auch einfach mal Respekt davor haben, dass sie den Hut in den Ring werfen und sich das antun in ihrem Alter und entfernt eine Idee haben, diese Aufgabe irgendwie hinzubekommen. Und man kann getrost sein, dass sie nicht völlig schwerelos nach eigener Mütze hantieren können. Da steckt ein riesiger Apparat von Backoffice dahinter, der es fachlich drauf hat und berät und den Chef auch mal am Ärmel zupft. 

Wikipedia verrät, dass einer der engsten Mitarbeiter von Mr. Nixon gegen Ende dessen Amtszeit wegen seines Alkoholproblems alle Präsidentenentscheidungen über seinen Schreibtisch laufen ließ, um groben Unfug zu vermeiden. Sicher gilt immer, der Fisch stinkt zuerst am Kopf, aber so weit sich wir ja noch nicht. Der Chronist will darauf hinaus, es ist nicht einfach, dieses riesige Land, diese enorme Masse Leute zu regieren. Ist es da für uns, tausende Kilometer entfernt, in Ordnung sich so das Maul zu zerreißen, wie es viele im Land des Chronisten tun und fix mal Urteile absondern? Oder sollte man, wie es einer seiner ehemaligen Mitarbeiter sich zur ständigen Ermahnung an seinen Bildschirm geklebt hat, „Einfach mal die Fresse halten“? Und es den Menschen hier überlassen, wen sie an der Spitze sehen wollen? Danke  für eure Geduld, es kommt nicht so oft vor.

Der Chronist hatte Glück heute morgen. Er verlies Paris H.‘s edles Kellerverlies reichlich spät, der Körper ließ ihn nicht eher. Auf jeden Fall wollte er sich das Art Museum anschauen. Ein futuristischer Laden.



Zack, Entscheid, einmal reinschauen um die Stadt besonders in Erinnerung zu behalten. Hat dann auch geklappt. Eine liebenswerte, ältere Museumsvolontärin brachte ihn kurzerhand umsonst hinein, weil ihm selbst der Senioreneintritt für einen solchen Kurzbesuch zu viel war, sie ihn aber nicht so ziehen lassen wollte. Die Kunst drinnen war dem Chronisten für einen solch fröhlich blauen Morgen allerdings zu schwer. Die ganze Aktion hat ihm dennoch gefallen.


Nicht umsonst spielte der Denver Clan hier. Die Stadt scheint reich zu sein, war es früher und es sieht heute nicht anders aus.


Erbaut durch die Menschen, die Stadt und das County Denver

Der Chronist liest ein bisschen in Jack Kerouac von dessen Traumstadt Denver und dem wilden Leben darin 1947 und findet es heute ein bisschen arrogant.


«Wow!» Der Mann und ich hatten ein langes, angenehmes Gespräch über unsere jeweiligen Pläne im Leben, und bevor ich es merkte, rollten wir schon über die Fruchtmärkte draußen vor Denver; da waren Schornsteine, viel Rauch, Eisenbahnschienen, rote Backsteingebäude und, zur Innenstadt hin, die grauen Sandsteinhäuser. Und ich war da, ich war in Denver. An der Larimer Street ließ er mich raus. Voller Freude und mit dem dämlichsten Grinsen der Welt stolperte ich auf die alten Landstreicher und abgetakelten Cowboys der Larimer Street zu…

…war Ray Rawlins, Tim Grays Kumpel aus Kindertagen. Ray kam hereingestürmt, um mich abzuholen, und wir verstanden uns auf Anhieb. Zusammen machten wir eine Sauftour durch die Bars an der Colfax Avenue. Eine von Rays Schwestern war eine blonde Schönheit namens Babe – eine tennisspielende, wellenreitende Fee des weiten Westens. Sie…


Nach dem Vorfall mit dem Sitznachbarn, der vergessen hatte auszusteigen, gab es noch einmal eine barsche Ansage der Chefin vom Lenkrad: Jeder hat selber darauf zu achten, wo er raus muss. Sie könne nicht alle Ziele der Gäste im Kopf haben.

Der Vordermann des Chronisten kam aus Arkansas. Ein friedliebender, freundlicher Mensch. Einmal im Jahr fährt er seine Mutter in Washington besuchen, was ihn drei Reisetage und über zweihundert Dollar je Weg kostet. Ein Flug würde rund das Dreifache kosten.


Robert, lebt in einem roten, also konservativen Staat; er zögert nicht für 0-80-20

Der Chronist passt schön auf seinen Ausstieg aus. Evanston, Wyoming, einhundertdreißig interessante Kilometer von seinem nächsten Zielort, Salt Lake City, entfernt. Interessant, weil mit Relief versehen, weil er auf über zweitausend Meter Höhe schläft, weil er morgen eine Art Hängematte fährt, die am anderen Ende auf zweitausendeinhundert Meter aufgehängt ist und weil es auf den ersten fünfundsechzig Kilometern keine Versorgung gibt. Also muss er gut einpacken. 


Evanston - Salt Lake City

Das gilt auch für ihn selber, die Nachttemperatur liegt bei null Grad und bleibt bis zum Start einstellig. Da muss er sich was einfallen lassen. Erstmal ist er noch warm und preiswert in einem Motel untergebracht und textet unter weißen Laken. 

Ja, und dann ist da noch die Windrichtung in diesem Land ohne Bäume ;-)


Euch allen erstmal einen schönen Tag und gute Gedanken für die Europawahl (soweit ihr aus Europa seit). Die Anderen schauen entspannt zu. 

TBJ_11 Denver ohne Clan - Rocky Mountains mit Schnee

Weiße Laken im Souterrain bei Paris H. in Denver. Heute mal der Reihe nach. Weil der Chronist Respekt vor der Distanz hatte, verließ er Fort Morgan nach einem Kaffee und Apfel im Bett schon um sieben. Das Duschwasser vom Vortag ruhte noch in der Wanne.

Hinter den Gleisen rechts ab

Es war frisch aber irgendwie auch schön. Blauer Himmel, auf der Nebenstraße wenig Verkehr, links und rechts Landwirtschaft mit einem ausgeklügelten Bewässerungsystem. Und er hatte Rückenwind. So richtig, dass er meistens im drittgrößten Gang fahren konnte. Da singt man schon mal laut und schräg Lieder. Die Schwalben hat es nicht gestört. Auf einer Seite neben ihm brummten manchmal Güterzüge vorbei. Nördlich begleitete ihn die Interstate 76. Da, wo seine Nebenstraße in einem Schlenker die Gleise kreuzte, gab es eine Ansammlung von Häusern, ein paar Geschäfte für Farmzubehör und es gab einen Frühstücksladen nach seiner Mütze. Sauber, handmade, der einzige Gast vor ihm, war gerade gegangen.


Im Gastraum herrschte die Tochter, in der Küche hinter der Durchreiche die Mama. Ein kleiner Neffe der Saalchefin wurde jeden Morgen vom Papa hier abgeliefert, seine Mama war für ein paar Tage in Kalifornien und in dieser Häuseransammlung gab es keinen Kindergarten. Der Chronist hatte keine Ahnung, was er wollte und nahm das heutige Angebot.


Gehört zur fragmentarischen Welterkundung; er kann sich ja heute abend im Supermarkt wieder Salat holen; dafür servierte sie mit der Anrede "Here honey…"

Von ihrer Antwort auf seine Standardfrage hier in der tiefsten Provinz war der Chronist überrascht: 100 für Jesus, die beiden anderen seien doch Idioten. Sie dämpft dabei die Stimme, wohl das ihre Mama das nicht hört.


Prairie Ranch House; wer mal in der Nähe ist

Irgendwie hätte diese Wirtschaft viel mehr Publikum verdient. Mama und Tochter geben ihr Bestes.


Er hatte es nicht mehr genau vor Augen, aber letztlich ging ein Teil dieser Strecke nur über die Interstate. Das heißt so richtig Autobahn. Die Oberflächenqualität war super, die Shoulder sauber, was kein Wunder ist, wenn nebendran die LKW mit 130 km/h vorbeirauschen. Da bleiben keine Kleinteile liegen, die ihm ein Loch in den Reifen machen könnten. Eher eine Sieblinie von Stücken, bei denen der Chronist zu Fall käme, würde er sie nicht umkurven. Es war alles ein bisschen aufregend. Was würde die Polizei sagen? Nichts, es kam keine und mit den anderen Verkehrsteilnehmern hat er sich vertragen. Das Video gibt ein bisschen die Szenerie wieder.

Interstate 76

Irgendwann konnte er dann wieder eine parallel verlaufende Nebenstraße fahren. Und da hat er sich dann etwas geschämt. Er hatte Hunger und es gab nichts anderes als KFC. Also hat er sich sofort bei dem Hühnchen entschuldigt. Diese massive Überladung der Mahlzeiten mit Fleisch, meistens Huhn, erzeugt regelrecht Abneigung.


Er hat wenigstens zu der kleinsten Einheit Fleisch auf der Speisekarte Kohlsalat und Mais genommen

Dann wurde es witzig. Irgendwie piepte es um ihn, nicht verortbar aber durchdringend. Der Chronist war hier schon mal von einem Vogel angegangen worden, aber ein Vogel war nicht zu sehen. Bis er schließlich Massen Erdhörnchen entdeckte, die sich mit diesen Vogelstimmen ähnlichen Geräusch gegenseitig warnten. Der Chronist wollte authentisch sein, setzte sich an ein Loch und wollte warten, bis die Insassen wieder auftauchten. Aber der Oberaufpasser machte ein derartiges Spektakel, dass dieses Vorhaben nutzlos war.



Vielleicht montiert das Backoffice hier ein Erdhörnchen hinein ;-)

Zwischendrin tauchen neben der Bahn interessante Baustellen auf, die wohl dem Erdölfracking dienen. Riesige Lärmschutzwände umzu schirmen die Umgebung gegen die lauten Maschinengeräusche ab, die für den Förderprozess des Erdöls nötig sind. Die alten nickenden Schwengelpumpen daneben stehen still.


In Denver; nach irgendeinem Ranking des Internets die lebenswerteste Stadt der USA

Denver Clan, für die Youngsters unter euch kein Begriff, für den Chronisten sehr wohl. Glaubte er jedenfalls. Aber er hat vorsichtshalber nachgeschaut und lag daneben. Er hat früher nicht Denver Clan gesehen, sondern Dallas. Heute würde er sagen, beide Serien gehören vor Gericht wegen Zeitdiebstahls.


Was er mit Respekt und Freude schon von weitem gesehen hat, sind die Rocky Mountains. Eine Kette von Bergen mit schneebedeckten Gipfeln. Es geht aufwärts. Denver wird auch 1-Mile-City genannt, weil sie auf einer Meile über Normalnull liegt. Der Chronist kletterte ja heute von rund 1200m auf rund 1600m, gleichmäßig verteilt über die gesamte Strecke. Morgen sitzt er wieder im Bus, übermorgen wird es relieftechnisch ziemlich interessant. Colorado ist irgendwie attraktiv, ebenes Land wechselt sich ab mit sanften Hügeln, fast baumlos und jetzt noch am Horizont die Berge. Nicht diese straflagerähnliche Unendlichkeit Nebraskas.


Ankommercafe mit Sofa und Süßem

Der Chronist hat ein schickes Café in der Lounge eines Bürohochhauses gefunden, fleetzt sich nach der langen Tour in die Polster, genießt Americano und Gebäck und schaut sich drei Yuppies aus, die er gleich befragen will. Auch gespannt darauf, was die Großstadtstimme im Westen so von sich gibt. Aber er läuft glatt vor die Wand. Er hat es seiner Meinung nach höflich und verständlich vorgetragen, aber von links nach rechts lauten die Antworten: Ich wähle nicht, ich hätte gerne Nikki Healey gehabt, ich muss darüber länger nachdenken. Bei der Frage nach den Vornamen lehnen sie bestimmt ab und gehen. Ja. Gehört dazu.

Er hat ja noch den morgigen Vormittag, der Bus geht erst um zwölf. So jetzt ist die Wäsche fertig. Danach bleibt noch Zeit für einen Schlendergang durch Denver, elegante Hochhäuser, reiche, alte Gebäude, Kunst an jeder Ecke. Der Chronist hat sich zu einer fragmentarischen Welterkundung in einem deutschen Restaurant entschlossen. Es ist zwar teuer da, aber ergiebig. 


Die Gäste kommen her zur Reisevorbereitung; Currywurst für den Sitznachbarn Jack

Jack fliegt im Juli nach München und tingelt von dort nach Brüssel, einen Freund besuchen. Er liefert dem Chronisten 0-50-50, will seinen Beruf erst nach seiner Pensionierung verraten und  möchte kein Foto. Jack lebt in Chicago.

Kenyon kommt daher, wo der Chronist als nächstes hinwill: Salt Lake City

Kenyon hat damit weniger Probleme. Er reist im Oktober für zwei Wochen nach Deutschland. Eine geführte Tour. Seine Antwort lautet 100-0-0. Kenyon ist Atheist, hat zwei Kinder und arbeitet als Elektriker in der Automatisierung.

Bis morgen.


https://www.relive.cc/view/vxOQjmKrk26

TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...