Donnerstag, 30. Mai 2024

TBJ_11 Denver ohne Clan - Rocky Mountains mit Schnee

Weiße Laken im Souterrain bei Paris H. in Denver. Heute mal der Reihe nach. Weil der Chronist Respekt vor der Distanz hatte, verließ er Fort Morgan nach einem Kaffee und Apfel im Bett schon um sieben. Das Duschwasser vom Vortag ruhte noch in der Wanne.

Hinter den Gleisen rechts ab

Es war frisch aber irgendwie auch schön. Blauer Himmel, auf der Nebenstraße wenig Verkehr, links und rechts Landwirtschaft mit einem ausgeklügelten Bewässerungsystem. Und er hatte Rückenwind. So richtig, dass er meistens im drittgrößten Gang fahren konnte. Da singt man schon mal laut und schräg Lieder. Die Schwalben hat es nicht gestört. Auf einer Seite neben ihm brummten manchmal Güterzüge vorbei. Nördlich begleitete ihn die Interstate 76. Da, wo seine Nebenstraße in einem Schlenker die Gleise kreuzte, gab es eine Ansammlung von Häusern, ein paar Geschäfte für Farmzubehör und es gab einen Frühstücksladen nach seiner Mütze. Sauber, handmade, der einzige Gast vor ihm, war gerade gegangen.


Im Gastraum herrschte die Tochter, in der Küche hinter der Durchreiche die Mama. Ein kleiner Neffe der Saalchefin wurde jeden Morgen vom Papa hier abgeliefert, seine Mama war für ein paar Tage in Kalifornien und in dieser Häuseransammlung gab es keinen Kindergarten. Der Chronist hatte keine Ahnung, was er wollte und nahm das heutige Angebot.


Gehört zur fragmentarischen Welterkundung; er kann sich ja heute abend im Supermarkt wieder Salat holen; dafür servierte sie mit der Anrede "Here honey…"

Von ihrer Antwort auf seine Standardfrage hier in der tiefsten Provinz war der Chronist überrascht: 100 für Jesus, die beiden anderen seien doch Idioten. Sie dämpft dabei die Stimme, wohl das ihre Mama das nicht hört.


Prairie Ranch House; wer mal in der Nähe ist

Irgendwie hätte diese Wirtschaft viel mehr Publikum verdient. Mama und Tochter geben ihr Bestes.


Er hatte es nicht mehr genau vor Augen, aber letztlich ging ein Teil dieser Strecke nur über die Interstate. Das heißt so richtig Autobahn. Die Oberflächenqualität war super, die Shoulder sauber, was kein Wunder ist, wenn nebendran die LKW mit 130 km/h vorbeirauschen. Da bleiben keine Kleinteile liegen, die ihm ein Loch in den Reifen machen könnten. Eher eine Sieblinie von Stücken, bei denen der Chronist zu Fall käme, würde er sie nicht umkurven. Es war alles ein bisschen aufregend. Was würde die Polizei sagen? Nichts, es kam keine und mit den anderen Verkehrsteilnehmern hat er sich vertragen. Das Video gibt ein bisschen die Szenerie wieder.

Interstate 76

Irgendwann konnte er dann wieder eine parallel verlaufende Nebenstraße fahren. Und da hat er sich dann etwas geschämt. Er hatte Hunger und es gab nichts anderes als KFC. Also hat er sich sofort bei dem Hühnchen entschuldigt. Diese massive Überladung der Mahlzeiten mit Fleisch, meistens Huhn, erzeugt regelrecht Abneigung.


Er hat wenigstens zu der kleinsten Einheit Fleisch auf der Speisekarte Kohlsalat und Mais genommen

Dann wurde es witzig. Irgendwie piepte es um ihn, nicht verortbar aber durchdringend. Der Chronist war hier schon mal von einem Vogel angegangen worden, aber ein Vogel war nicht zu sehen. Bis er schließlich Massen Erdhörnchen entdeckte, die sich mit diesen Vogelstimmen ähnlichen Geräusch gegenseitig warnten. Der Chronist wollte authentisch sein, setzte sich an ein Loch und wollte warten, bis die Insassen wieder auftauchten. Aber der Oberaufpasser machte ein derartiges Spektakel, dass dieses Vorhaben nutzlos war.



Vielleicht montiert das Backoffice hier ein Erdhörnchen hinein ;-)

Zwischendrin tauchen neben der Bahn interessante Baustellen auf, die wohl dem Erdölfracking dienen. Riesige Lärmschutzwände umzu schirmen die Umgebung gegen die lauten Maschinengeräusche ab, die für den Förderprozess des Erdöls nötig sind. Die alten nickenden Schwengelpumpen daneben stehen still.


In Denver; nach irgendeinem Ranking des Internets die lebenswerteste Stadt der USA

Denver Clan, für die Youngsters unter euch kein Begriff, für den Chronisten sehr wohl. Glaubte er jedenfalls. Aber er hat vorsichtshalber nachgeschaut und lag daneben. Er hat früher nicht Denver Clan gesehen, sondern Dallas. Heute würde er sagen, beide Serien gehören vor Gericht wegen Zeitdiebstahls.


Was er mit Respekt und Freude schon von weitem gesehen hat, sind die Rocky Mountains. Eine Kette von Bergen mit schneebedeckten Gipfeln. Es geht aufwärts. Denver wird auch 1-Mile-City genannt, weil sie auf einer Meile über Normalnull liegt. Der Chronist kletterte ja heute von rund 1200m auf rund 1600m, gleichmäßig verteilt über die gesamte Strecke. Morgen sitzt er wieder im Bus, übermorgen wird es relieftechnisch ziemlich interessant. Colorado ist irgendwie attraktiv, ebenes Land wechselt sich ab mit sanften Hügeln, fast baumlos und jetzt noch am Horizont die Berge. Nicht diese straflagerähnliche Unendlichkeit Nebraskas.


Ankommercafe mit Sofa und Süßem

Der Chronist hat ein schickes Café in der Lounge eines Bürohochhauses gefunden, fleetzt sich nach der langen Tour in die Polster, genießt Americano und Gebäck und schaut sich drei Yuppies aus, die er gleich befragen will. Auch gespannt darauf, was die Großstadtstimme im Westen so von sich gibt. Aber er läuft glatt vor die Wand. Er hat es seiner Meinung nach höflich und verständlich vorgetragen, aber von links nach rechts lauten die Antworten: Ich wähle nicht, ich hätte gerne Nikki Healey gehabt, ich muss darüber länger nachdenken. Bei der Frage nach den Vornamen lehnen sie bestimmt ab und gehen. Ja. Gehört dazu.

Er hat ja noch den morgigen Vormittag, der Bus geht erst um zwölf. So jetzt ist die Wäsche fertig. Danach bleibt noch Zeit für einen Schlendergang durch Denver, elegante Hochhäuser, reiche, alte Gebäude, Kunst an jeder Ecke. Der Chronist hat sich zu einer fragmentarischen Welterkundung in einem deutschen Restaurant entschlossen. Es ist zwar teuer da, aber ergiebig. 


Die Gäste kommen her zur Reisevorbereitung; Currywurst für den Sitznachbarn Jack

Jack fliegt im Juli nach München und tingelt von dort nach Brüssel, einen Freund besuchen. Er liefert dem Chronisten 0-50-50, will seinen Beruf erst nach seiner Pensionierung verraten und  möchte kein Foto. Jack lebt in Chicago.

Kenyon kommt daher, wo der Chronist als nächstes hinwill: Salt Lake City

Kenyon hat damit weniger Probleme. Er reist im Oktober für zwei Wochen nach Deutschland. Eine geführte Tour. Seine Antwort lautet 100-0-0. Kenyon ist Atheist, hat zwei Kinder und arbeitet als Elektriker in der Automatisierung.

Bis morgen.


https://www.relive.cc/view/vxOQjmKrk26

Mittwoch, 29. Mai 2024

TBJ_10 Nebraska - Colorado - Sommerzeit

Hallo, der Chronist sitzt in einem der Kompressorsäle der USA, also in einem schlecht isolierten großzügigen Motelzimmer, dessen Klimaanlage für erträgliche Temperaturen ein ziemliches Getöse verursacht. Man lebt ja vom Unterschied sagt Freund Uli, also nimmt es der Chronist gelassen, dass die Mehrfarbigkeit der Türrahmen nicht gewollt, sondern abgeblätterter Farbe geschuldet ist und auch die Restpfütze in der Badewanne ruht in Gelassenheit. Dafür konnte er mal vor dem Zimmer sein Rennrad in Position bringen. Da, wo in den Filmen immer die eleganten bis vergurkten Autos abgestellt werden.

Für schmalen Taler in Ordnung

Der Chronist ist in Fort Morgan angekommen, einer weiteren Kleinstadt im mittleren Westen der USA. Sein Startort für morgen, für Denver. Mal sehen, was der Clan so macht. Er hat zum zweiten Mal in kurzer Zeit eine Stunde gewonnen. Das, was zu Hause als Umstellung zur Sommerzeit regelmäßig bejammert wird. 

Und er ist jetzt in Colorado, das ihm bisher nur in Lakritzform ein Begriff war. Wenn Nebraska baumlos und platt war ist Colorado zwar auch baumlos, aber keinesfalls platt. Eine riesige, eiszeitlich sanft gewellte Landschaft aus sandigem Boden, der mit gewaltigen Beregnungsapparaten landwirtschaftlich genutzt wird. Weil der Mais noch klein ist, sind die höchsten Pflanzen Salbeibüsche, die sich mit ihren weißlich hellgrünen Blättern aus der kargen Graswelt hervorheben. Völlig schwarze Rinder stehen als einzelne Tupfen in diesem beeindruckenden Bild.


Der Chronist ist von der Landschaft so fasziniert, dass er erst gar keine Lust hat sich, mit der freundlichsten Busfahrerin bisher, zu unterhalten. Kati, sie hat ihn mit einem Lachen in North Platte begrüßt, hat über das Rennrad gesagt, dass sie sowas normalerweise nicht mitnimmt, aber heute hätte sie Platz. Der Chronist hatte wieder für Verpackung des Hinterteils gesorgt und hielt ihre Bemerkung eher für einen Scherz. Kati fährt für eine dem Chronisten bisher unbekannte Gesellschaft. In dem fast neuen Fahrzeug sitzen nur vier weitere Fahrgäste. Schließlich setzt sich der Chronist nach vorne auf die Stufe zum Fahrerbereich, den Hintern hinter der weißen Linie, die Füße davor und den besten Blick nach vorn. Kati findet das in Ordnung. Rechts neben ihm sitzt eine Schwarze mit unvollständiger Frontverzahnung, die von Kati immer mit Nurse angeredet wird. 


Das Gespräch verebbt, als der Chronist mit seiner Frage herausrückt und Kati kategorisch darauf verweist, dass sie nach Unternehmensvorgaben nicht über Politik, Religion und Sex reden darf. Es kostet sie ihren Job. Ok. Man bleibt sich trotzdem gewogen!

Kati, zwanzig Jahre auf Bussen 

Der Chronist möchte hier gerne noch etwas nachtragen. Er hat in dieser sorgsam gestalteten Unterkunft in North Platte bestens geschlafen und sie flößte ihm darüber hinaus irgendwie auch Ruhe ein. Oder so langsam wird der Chronist auf dieser Tour sowieso gelassener. Er hatte ja noch Zeit, und für diese hatte er sich in Google maps eine Ortserkundung gebastelt. Denn das hatte er in Wikipedia gelesen: North Platte hat den weltgrößten Rangierbahnhof, betrieben von Union Pacific. Um den überblicken zu können, hat man extra einen Tower gebaut, den Golden Spike Tower. Golden Spike war der vergoldete Nagel, mit dem man im neunzehnten Jahrhundert einen berühmten Lückenschluss des Gleises beendete.


Sowas kann man nur in einer Gegend wie hier bauen; sorry für das unergiebige Foto; das Gelbe im Vordergrund und links im Bild sind nur Lokomotiven, an die hundert

Unten im Andenkenladen traf der Chronist Kundschaft, Cheryl and Barry, die im Gegenzug für seine Story eine Anwort lieferten: 5-5-90. Chery legte vor und Barry murmelte, dass das so in etwa auch seine Meinung sei. Vielleicht nicht ganz.


Cheryl und Barry machen einen Ausflug nach North Platte; sie wohnen 120 Meilen weiter nördlich

Auf dem Weg lag noch ein Eisenbahnmuseum, das eigentlich nur aus zwei Objekten und einem Bahnwärterhäuschen bestand, es aber insgesamt in sich hatte. 

Der Chronist war außerordentlich  dankbar für diesen Zufall und für die freundlichen Erläuterungen des Wärters; sie waren allein auf dieser schönen Anlage.


Monster aus Stahl

An dieser Stelle macht der Chronist auch mal einen Versuch etwas mehr Eindruck zu liefern, wo er gerade ist. Und diese Kleinstadt North Platte, die sich so erbärmlich schwer erobern ließ, hat es ihm irgendwie angetan. Was man in Wikipedia sonst eher nicht zu Orten findet, las er hier: Angaben zum Durchschnittseinkommen. Und das liegt in dieser Stadt salopp gemittelt bei 30000 Dollar im Jahr. Wissend, dass ein Arzt in einer amerikanischen Großstadt das zehnfache verdient, überkommt ihn eine gewisse Ratlosigkeit.

Er hat vom Rennrad aus auch noch Videos gemacht und das Backoffice kann sie hoffentlich einbinden.



Schon mal an dieser Stelle vorweg, das Backoffice hat morgen vormittag (MEZ) geschlossen und wird später liefern. Bis denne.

Dienstag, 28. Mai 2024

TBJ_09 Riding the continent - 100 km Workout

Hamilton Mack Laing hat lange vor dem Chronisten seine sechs Zentner Harley Davidson Doppelwums hier durchgeritten, 1915. Sand und Schlamm machten ihm zu schaffen. Der Chronist reitet auch über den Kontinent, aber weitaus komfortabler. Mr. Laing wäre von der präzisen Betonfahrbahn begeistert. So würde er sich nicht mehr, wegen der im weichen Sand wild herum schleudernden Maschine, am Auspuff die Innenseiten seiner Schenkel verbrennen. 

Aber auch der Chronist hatte zu leiden. Er hatte Gegenwind, 100 km präzisen Wind von vorn. Nicht streichelnd von schräg oder als Puff in die Seite oder mal als Klapps auf den Hintern. Nein, immer voll auf die Zwölf. Und so war dieser Tag kein Radtag im üblichen Sinne, es war im modernen Sprachgebrauch ein hartes Workout. 


Blaue Line und Wind; präzise Gegner

Der Chronist muss hier einmal rumheulen. Das war nicht fair! 25 km/h Wind gegen sich zu oder hinter sich zu haben sind Welten! So.


Es war kein Problem, gestern nach Mitternacht noch eine Herberge zu finden. Die Entfernungen sind so riesig, dass Betten, heißer Kaffee und ein Bier immer und überall zur Verfügung stehen. Das Bett war sauber, die Dusche hatte noch unendlich heißes Wasser und es ist ihm keine Farbe auf die Zahnpasta geblättert, obwohl die Decke danach aussah. Morgens stellte er fest, dass eineinhalb Meter vor seinem Fenster die Welt an einem Bretterzaun endete. Die tamilische Betreiberfamilie war freundlich. Er hat nur Fragmente des continental plastic breakfast verzehrt, sich auf den Weg gemacht und beschlossen, es heute entspannt zu handhaben.


Die saubere hellgraue Betonfahrbahn hat saubere Stöße. Nichts rattert. Die Oberfläche ist in Längsrichtung rilliert, die Autofahrer verzeihen ihm den Gebrauch der Fahrbahn. Das Land ist hier so eben, dass man in der Entfernung die Erdkrümmung für einen sanften Hügel hält. Tatsächlich gibt Google für zehn Kilometer Länge eine Erdkrümmung von fast acht Metern an. Und zehn Kilometer kann man nach Meinung des Chronisten überblicken. In seiner Muße überlegt er, mit welch riesigen Caterpillars die erdgeschichtliche Entwicklung hier vorgegangen ist. Oder sie hat im Prinzip des Fließestrich einmal alles mit Boden grob bedeckt, mit Wasser getränkt und mit zwei, drei Erdstößen den Brei präzise verteilt. Es ist fast unheimlich eben. 

An den riesigen Ackerschleppern, den endlosen Güterzügen neben der Straße und den massiven Getreidesilos ahnt man, was hier hauptsächlich passiert.


Arbeit, Arbeit, Arbeit

Bevor der Chronist heute in den Jammer- und Leidensmodus überwechselte, sinnierte er wie immer. Man hat ja auch Langeweile, besonders, wenn die Landschaft nichts hergibt. 

Er entwarf Reden, dummes Zeug, ventilierte Beziehungen, lobpreiste die Enkel rauf und runter, dachte über seine Kundschaft nach und probte schon mal das letzte Kapitel.


Vier Kilometer hat er auf diese Gelegenheit gewartet; eine Möglichkeit sein Rennrad anzulehnen, um Pause zu machen

Er ist froh über seine Erfindung des hopon-hopoff. Er erinnert sich an einen Bekannten, der den Mississippi von der Quelle bis zur Mündung gefahren ist, irgendwas bei 3000 km. Dessen Antwort auf die Frage des Chronisten nach drei beherrschenden Eigenschaften dieser Tour beschränkte sich auf zwei: Langweilig und abenteuerlich. Der Chronist ahnt die Langeweile und braucht sie überhaupt nicht. Er muss und will nicht Langeweile im Überfluss haben, nur um die Kilometer zu fressen. 


Er schreibt diese Zeilen in Cozad, 3000 Einwohner in dieser geplätteten Landschaft im Meridian Tap House bei Salat und Kaffee. Cozad liegt am 100sten Meridian. 


Irgendwie macht man es sich immer schön

Farmer, alte Menschen, Familien, die sich einen schönen Tag machen wollen sitzen ziemlich schweigsam und warten auf diese Essenskörbe, ausgelegt mit rotweiß karierten Servietten, in denen sorgsam dekorierte Sandwiches mit Chicken, Turkey, Bacon oder Beef serviert werden. Sie trinken Wasser oder Cola, immer mit Eis und ob Kaffee oder Kaltgetränk, jedem liegt ein Strohhalm bei. 

So, der Chronist muss weiter, er hat erst sechsundzwanzig Kilometer auf der Uhr. Kristina, die Chefin gibt ihm noch fix zwischen Papierkram ihre Antwort: 10-10-80. Sie hat nicht glauben können, dass Mr. Trump je Präsident werden könnte und das ganze für einen PR Gag gehalten. 


Kristin führt eines dieser charmanten, überall zu findenden Restaurants, die nicht einer Kette angehören

Der Wind ist widerlich und die Straße so elend gerade. Der Chronist mag gar nicht hochschauen, in der Hoffnung ein Ende zu sehen. Jedes Mal ist dieser Anblick, der in flimmernden Luftspiegelungen in der Unendlichkeit endenden grauen Linie, wie ein Peitschenhieb. Schließlich läßt er es. Unterlässt auch den Versuch, den Schnitt noch irgendwie ansehnlich zu halten. Er registriert nicht einmal besonders, als nach fünfundsechzig Kilometern die Straße einen leichten Knick macht. Er macht einfach noch mal einen Stop, Crady, 300 Einwohner und eine Tankstelle mit Minimarkt. Der beschert ihm die preiswerteste Pause bisher.


In Brady einmal satt für drei Dollar fünfzig

Auf den Brennholzpaketen für sieben Dollar das Stück verzehrt er den Einkauf. Der Anblick der Kneipe gegenüber ist ein Bestandteil des überall sichtbaren Wandels.



300 Einwohner sind heute zu wenig für eine Kneipe

Im Osten ist man ja eher schweigsam, auch auf dem Land. Aber Tagg redet mit dem Chronisten ein paar Worte. Nach dessen Einkauf fragt er ihn aus. Tagg teilt nicht auf. Er spricht Jesus alles zu und wird Trump wählen, der seiner Meinung nach viel für das Land getan hat.


Tagg ist Pensionär, lebt in Crady und hat für die Eisenbahn gearbeitet

North Platte heißt der Zielort. Platte ist Programm für diese ganze Gegend. Ein zentraler Ort für die Eisenbahn. Die einzige Stadt in dem umgebenden County. Der Chronist macht eine neue Erfahrung. Man kann auch preiswert und schön unterkommen. Ein irgendwie niedliches Motel fällt ihm vor die Füße. Fein draußen, fein drinnen.

Manager Yonn

Yonn mit seinem freundlichen Mondgesicht managt das Geschäft. Die Eigentümer sind aus. Es ist ein wirklich äußerst gemütlicher und sorgsam geführter Laden. Nach dem geschäftlichen Check in ist Yonn dran. Er findet die Frage seltsam, interessiere sich nicht für Politik und wird erst redselig, als der Chronist fragt, was er an der Politik im Moment am meisten vermisse. Niedrigere Benzinpreise. Zu Trumps Zeiten war die Gallone bei zwei Dollar dreißig und stieg dann auf zwei Dollar fünfzig. Zu Bidens Amtszeit stieg der Preis auf fast vier Dollar und liegt jetzt bei drei Dollar fünfzig. Das ist für ihn teuer. Ja, auch er mag diese Liberale gegen Konservative Diskussion nicht leiden. Würde man beide Parteien in einen Raum sperren, käme es sicher zu Prügeleien.  Am Ende bietet er dem Chronisten 50-25-25. Der hat die Idee, dass Yonn als Nativ Person mit Jesus nicht viel anfangen kann. 


Aus einer Eingebung heraus hat der Chronist zu Hause im Drogeriemarkt sein schmales Gepäck um eine Einzelportion Entspannungsbad ergänzt. Fast alle amerikanischen Bäder haben auch wirklich noch eine Badewanne. So auch sein niedliches Motel. Er genießt nach dieser Quälerei heute einmal blaue Entspannungssuppe. 


https://www.relive.cc/view/vNOP7kdPX2v

Morgen hat er ja bis ein Uhr Zeit. Er wird sein Publikum durch diese Kleinstadt führen. Aus den amerikanischen Serien oder Filmen kennt er so etwas eher nicht. 

Jack Kerouac trampte 1947 in Gesellschaft auf der Ladefläche eines offenen Lasters durch North Platte. Weil der Laster keine Seitenklappen hatte, und wegen der schlechten Straße waren sie ständig in Gefahr herunter zu fallen.


Montana Slim und die beiden Highschool-Typen wanderten mit mir durch die Straßen von North Platte, bis wir einen Schnapsladen fanden. Sie warfen was dazu, auch Slim, und ich kaufte eine Flasche. Hochgewachsene Männer mit mürrischen Mienen beobachteten uns aus Häusern mit falschen Stuckfassaden; die Hauptstraße war gesäumt von quadratischen Schachtelhäusern. Endlose Ausblicke auf die Prärie öffneten sich hinter jeder der traurigen Seitenstraßen. Ich spürte, dass in der Luft von North Platte etwas anders war, aber ich wusste nicht, was es war. Fünf Minuten später wusste ich’s. Wir stiegen wieder auf den Laster und brausten los. Es wurde rasch dunkel. Wir tranken alle einen Schluck, und als ich mich umschaute, waren die grünen Felder am Platte River plötzlich verschwunden, und stattdessen sah man, so weit das Auge reichte, weite Ödlandflächen, nur Sand und Gestrüpp. Ich staunte. «Was zum Teufel ist das?», schrie ich zu Slim hinüber. «Das ist Weideland, Mann. Gib mal die Flasche rüber.»


Allen einen schönen Tag und gutes Gelingen.


Montag, 27. Mai 2024

TBJ_8 Bergfest und: Kennst du Jesus?

Heute hat der Chronist Bergfest. Er hat seine fünfte Tour abgekurbelt. In Iowa, das auch irgendwo in Europa liegen könnte, nur das Europa dafür nicht groß genug ist. In Amerika ist alles größer, auch die Naturräume gleichen Charakters. Jetzt sitzt er ausnahmsweise bereits gleich im Bus und schaukelt dem nächsten Startort entgegen: Lexington in Nebraska. Diese Buslinie von Chicago nach Denver wird nur einmal am Tag bedient und es hatte der Chronist keine Lust in der Hauptstadt des Staates, in Des Moins, zu übernachten, um erst am nächsten Tag abends nach sechs Uhr den Bus besteigen zu können. Also bewegt er sich in Radklamotten ungeduscht heute schon weiter und wird sich nach Mitternacht noch ein Hotel suchen müssen. Drückt ihm die Daumen.

Der Fahrer ist der gleiche, der ihn sehr wohlwollend gestern von der Umsteige Burlington nach Oskaloosa gebracht hat. Wie alte Bekannte schüttelt man sich die Hände.


Don zum zweiten, er ist Pensionär und leistet sich mehrere Kaltblutpferde, die von Amish ausgebildet werden; seine Frage vergaß der Chronist anzubringen

Dass Oskaloosa eine Haltestelle hat, die Ihren Namen verdient, kann man nicht verlangen. Aber dass die ziemlich moderne und reiche Stadt Des Moins sechs Kilometer aus der Stadt heraus irgendwo neben einem Gabelstaplerhändler so einen kleinen Raum anbietet, ist eine freche Missachtung der Würde seiner Nutzer.


Aber der Reihe nach. Irgendwann gestern nachmittag stieg der Chronist in einem verschlafenen Nest aus dem Bus. Die Nachmittagssonne ließ die Luft flirren, Fahrer Don wünschte ihm Glück und rauschte von dannen. Niemand war auf der Straße. Sergio Leone hätte sofort eine Melodie dazu im Kopf gehabt.


Haltepunkt Oskaloosa

In Ermangelung eines Saloons stiefelte der Chronist erst mal in den örtlichen Drugstore und kaufte sich einen Nagelklipser, den er dringend brauchte. Die Hotels lagen vor dem Ort am Highway. Direkt vor dem teureren der beiden handelte er sich hinten einen Platten ein, dessen Unglückswirkung durch ein schönes Zimmer mit Seniorenrabatt kompensiert wurde. 


Es war der Chronist gestern nicht gut drauf, stellte sein Vorhaben und dessen allgemeinen Nutzen in Frage und empfand die Reststrecke als Bürde. Und er war auch ein bisschen einsam. Das passiert! Und dem Chronisten besonders nach Alkoholkonsum. Nach der Reifenrepartur, einer Dusche und dem Besuch des Walmart gegenüber sah die Welt schon anders aus. Am Eingang fing ihn Deborah ab. Sie hatte dort die Kunden zu begrüßen und den Chronisten mit dem Rennrad kommen sehen. Nach kurzem Informationsaustausch wurde er für berühmt erklärt und ein Kollege musste fotografieren.

Deborah war ausnahmsweise außerordentlich schlank. Früher hat sie als Krankenschwester gearbeitet, jetzt ist sie siebzig und macht das hier als Rentenjob. Sie hat zwei Kinder und wie der Chronist sieben Enkelkinder. Da war man schnell auf einer Wellenlänge. Sie ist Ureinwohnerin, leider hat er die Stammesbezeichnung luschig überhört. Jesus bekommt 100 %, Mr. Biden ist ihr zu alt und Mr. Trump traut sie nicht.


Der Chronist muss wiederholt feststellen, dass fleischlose Nahrung schwer zu finden ist. Alles hat Chicken oder Bacon. Schließlich kann er sich mit veganem Salat, Käse, einer Schüssel Fruchtsalat und einem Heißgetränk aus der Zimmerbar unter die weißen Laken zurückziehen und kommt so körperlich und mental wieder zu Kräften. Morgens ist es dann ja auch schön, den vom Todtenhausener Backoffice aufbereiteten Blog noch mal zu überfliegen. Läuft! Und so war er dann heute morgen wieder auf der Höhe, auch deswegen, weil das Hotel einen Pool hatte. 

Im Frühstückssaal fragte er Larry, ob dieser nicht an seinen Tisch wolle. Etwas unsicher, was seine Frau davon hielte, ließ er sich nieder und Chris schließlich auch. Und dann wurde es besonders. Larry nahm seine Frau bei der Hand und betete, betete für das Essen und für Detlef, ihren Sitznachbarn. Beide waren wegen einer Familienfeier hier. Und wieder war der Chronist an Kundschaft geraten, die die Verbindung zu Jesus in dieser Frage für absurd, fast unmoralisch hielten. „Kennst du Jesus,“ fragte Larry und brachte ihn etwas in Verlegenheit. „Jesus hat mit seinem Leiden alle unsere Sünden auf sich genommen!“

Und Chris stellte unmissverständlich fest, dass nur Jesus es richten könne. Für den irdischen Teil notwendiger Herrschaft werden sie Mr. Trump wählen. Am Ende verabschiedete man sich herzlich. Sie mussten zum Gottesdienst, Larry: “Jesus hat zwar keinen Fahrplan, aber die Kirche schon.“ Sie werden für den Chronisten beten, wünschten ihm alles Gute und er war dankbar dafür.


Cris und Larry mit dem Chronisten im Fairfield Inn in Oskaloosa, Iowa

Lieber Larry, der Chronist kann sich eine Anmerkung nicht verkneifen, die ihm heute auf dem Highway in den Kopf kam. Entschuldige seine große Klappe. Ja, es ist wohl so gemeint, das Jesus die Sünden von uns nimmt. Das ist ja an sich schon eine hundsgemein schwere Aufgabe. Ist es da nicht rücksichtsvoll ihm gegenüber, lässliche Sünden zu unterlassen, um die Bürde nicht übergroß werden zu lassen? Und ist der Genuss von übermäßigem und ungesundem Essen nicht auch eine Sünde, wenn auch eine kleine? Ich könnte mir vorstellen, dass er stolz darauf wäre, wenn seine Anhängerschaft selbstbewusst und verantwortungsvoll mit ihrem Gestell umgeht und damit anderen weder eine Last wird, noch übermäßig verformt durchs Leben watschelt, auch im Alter. Sorry.


Der geflickte Reifen hat seine Form behalten, der angekündigte Regen wurde rücksichtsvoll vorverlegt. Heute ist Memorialday und der großzügige Highway nur dünn besiedelt. 

Der Chronist kurbelt, bis zehn zählend, jeweils an zwei Polizeiautos vorbei, die auf dem Mittelstreifen stehen. Keine jaulende Sirene, kein Blaulicht. Die Beamten bleiben in ihren dicken Dodges sitzen, verfolgen auf dem Tablet den Sonntagsgottesdienst oder vielleicht Sexfilme. Jedenfalls scheinen sie den Chronisten nicht für jagbares Wild zu halten.


Legal! Rennrad auf dem Highway; Für Dave Jackson, dem Eigentümer eines 1960 Cadillac Sedan deVille  in der Farbe Persian Sand

Iowa ist sauber, der Highway ohne Dreck auf der Shoulder, kein Müll am Straßenrand, die Farmen versinken nicht in Gülle, wie er es in England gesehen hat. Um in dem welligen Relief Erosion zu vermeiden, lassen die Farmer  hangparallel dauergrüne Streifen stehen.


Schonende Bodenbearbeitung

Was den Chronisten irritiert, sind die riesigen Rasenflächen um die Anwesen. Sie sind groß wie Golfplätze und die Rasenpflege ist auch so. Für den Chronisten unvorstellbar solche Flächen in der Mähpflicht zu haben. Aber das scheint hier auch der Entspannung zu dienen: Auf einem Aufsitzrasenmäher der Kategorie Kommunalfahrzeug mit Ohrschützern über das Grünland zu flitzen. Andernorts in der Welt werden die intelligentesten Kunstgriffe angewendet, um Energie zu sparen. Hier könnte man vielleicht einfach mal darüber nachdenken, eine Feinrasenfläche der Größe Niedersachsens nicht alle zehn Tage zu mähen.

Es muss der Chronist zugeben, dass es schön aussieht, kultiviert, wie auch die Häuser ziemlich gepflegt sind und der Fahrzeugpark in den offenen Carports mindestens dreiteilig ist.


Fast alle Häuser haben diesen Stil; als Dorfgaststätte eine Ausnahmeerscheinung Smokey Row Coffee Shop in Pleasantville

Der Chronist hat wieder Glück für seine Mittagspause. Ein Dorf im Nirgendwo. Der einzige Laden, der geöffnet hat, hat Charme, das Essen ist lecker und die Kinder, die ihn betreiben, machen einen guten Job. Der Versuch bei dem mißmutigen, schweigsamen Rotfuchs seine Frage loszuwerden scheitert kläglich. Keine Reaktion. Am Ende bedankt er sich knapp, dass der Chronist bei Google Maps seine Öffnungszeiten korrigiert hat. Danach war der Laden nämlich Sonntags geschlossen.   


Weil er nicht gerne billig daher kommen möchte, hatte der Chronist diese Tour von der direkteren Variante mit 90 km auf eben die seiner Meinung nach angemessene Mindestlänge von über 100 km aufgepumpt. Dieser Umweg ist auch schön, hat aber den Nachteil, als Nebenstrecke wie eine graue Schärpe einfach auf das Relief aufgelegt worden zu sein, während man für einen Highway schon mal einen Berg abträgt.


Raufrunter, raufrunter; Memorialdaybeflaggung auf dem Friedhof

Des Moins, eine picobello hergerichtete Landeshauptstadt, großzügige, neue Fußgängerwege, Blumengeschmückt; die Restaurants und Brauereikneipen sind gut besetzt. Irgendwie scheinen sich die Städte hier im mittleren Westen neu zu erfinden.

Zweiteilige neue Fußgänger- und Radwegbrücke

https://www.relive.cc/view/vevY3Y7kWJ6


An dieser Stelle möchte der Chronist darauf hinweisen, dass er mindestens zwei Vorgänger auf dieser Route hatte, die sie in ziemlich unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Zeiten verfolgt haben. Es wird unzählige geben, aber er weiß nur von diesen.

Hamilton Mack Laing, Riding the continent, ein kanadischer Naturfreund und Biologe, der 1915 mit einer Harley Davidson hier lang kam, zu einer Zeit, als die Straßen noch aus Sand oder Schlamm bestanden und er sich mühsam dadurch wühlen musste. Seine Tagesetappen waren oft nicht länger als die des Chronisten. Bei gänzlich unzulänglichen Straßen benutzte er auch die Schwellen-Schotterpiste zwischen den Eisenbahnschienen unter Beachtung des jeweiligen Fahrplanes. Er scheute den Trubel, schlief in der Natur neben seinem Motorrad unter einer Zeltbahn, die er daran befestigte und freute sich am Morgen über den Gesang der Vögel. Er kannte sie alle. 

Der andere, weit bekanntere ist Jack Kerouac mit seinem Buch On the road. Eine wortgewaltige Beschreibung eines wilden Aufbruches 1947 nach Westen als Tramp. Der Chronist glaubt sich zu erinnern, dass in den Siebzigern dieses Buch gerne neben dem Jointbesteck und der Maobibel aber auch auf weißen Schleiflacknachttischen herumlag. Der Chronist las zu der Zeit Johannes Mario Simmel, begeisterte sich als schwer schulgeschädigter für den Versuch pädagogischer Neuausrichtung in Englands Summerhill und konnte sich köstlich mit Asterix und Obelix amüsieren. 


Morgen trifft er sich mit Jack in North Platte. Des Chronisten Partner und Freund hat ihm neben Simon Geschke auch als digitales Lesebuch Jack Kerouac mitgegeben. Und er ist gerade an der Stelle, wo der Autor für ein paar Tage in North Platte strandete.

Bis dahin macht es gut.


TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...