Dienstag, 28. Mai 2024

TBJ_09 Riding the continent - 100 km Workout

Hamilton Mack Laing hat lange vor dem Chronisten seine sechs Zentner Harley Davidson Doppelwums hier durchgeritten, 1915. Sand und Schlamm machten ihm zu schaffen. Der Chronist reitet auch über den Kontinent, aber weitaus komfortabler. Mr. Laing wäre von der präzisen Betonfahrbahn begeistert. So würde er sich nicht mehr, wegen der im weichen Sand wild herum schleudernden Maschine, am Auspuff die Innenseiten seiner Schenkel verbrennen. 

Aber auch der Chronist hatte zu leiden. Er hatte Gegenwind, 100 km präzisen Wind von vorn. Nicht streichelnd von schräg oder als Puff in die Seite oder mal als Klapps auf den Hintern. Nein, immer voll auf die Zwölf. Und so war dieser Tag kein Radtag im üblichen Sinne, es war im modernen Sprachgebrauch ein hartes Workout. 


Blaue Line und Wind; präzise Gegner

Der Chronist muss hier einmal rumheulen. Das war nicht fair! 25 km/h Wind gegen sich zu oder hinter sich zu haben sind Welten! So.


Es war kein Problem, gestern nach Mitternacht noch eine Herberge zu finden. Die Entfernungen sind so riesig, dass Betten, heißer Kaffee und ein Bier immer und überall zur Verfügung stehen. Das Bett war sauber, die Dusche hatte noch unendlich heißes Wasser und es ist ihm keine Farbe auf die Zahnpasta geblättert, obwohl die Decke danach aussah. Morgens stellte er fest, dass eineinhalb Meter vor seinem Fenster die Welt an einem Bretterzaun endete. Die tamilische Betreiberfamilie war freundlich. Er hat nur Fragmente des continental plastic breakfast verzehrt, sich auf den Weg gemacht und beschlossen, es heute entspannt zu handhaben.


Die saubere hellgraue Betonfahrbahn hat saubere Stöße. Nichts rattert. Die Oberfläche ist in Längsrichtung rilliert, die Autofahrer verzeihen ihm den Gebrauch der Fahrbahn. Das Land ist hier so eben, dass man in der Entfernung die Erdkrümmung für einen sanften Hügel hält. Tatsächlich gibt Google für zehn Kilometer Länge eine Erdkrümmung von fast acht Metern an. Und zehn Kilometer kann man nach Meinung des Chronisten überblicken. In seiner Muße überlegt er, mit welch riesigen Caterpillars die erdgeschichtliche Entwicklung hier vorgegangen ist. Oder sie hat im Prinzip des Fließestrich einmal alles mit Boden grob bedeckt, mit Wasser getränkt und mit zwei, drei Erdstößen den Brei präzise verteilt. Es ist fast unheimlich eben. 

An den riesigen Ackerschleppern, den endlosen Güterzügen neben der Straße und den massiven Getreidesilos ahnt man, was hier hauptsächlich passiert.


Arbeit, Arbeit, Arbeit

Bevor der Chronist heute in den Jammer- und Leidensmodus überwechselte, sinnierte er wie immer. Man hat ja auch Langeweile, besonders, wenn die Landschaft nichts hergibt. 

Er entwarf Reden, dummes Zeug, ventilierte Beziehungen, lobpreiste die Enkel rauf und runter, dachte über seine Kundschaft nach und probte schon mal das letzte Kapitel.


Vier Kilometer hat er auf diese Gelegenheit gewartet; eine Möglichkeit sein Rennrad anzulehnen, um Pause zu machen

Er ist froh über seine Erfindung des hopon-hopoff. Er erinnert sich an einen Bekannten, der den Mississippi von der Quelle bis zur Mündung gefahren ist, irgendwas bei 3000 km. Dessen Antwort auf die Frage des Chronisten nach drei beherrschenden Eigenschaften dieser Tour beschränkte sich auf zwei: Langweilig und abenteuerlich. Der Chronist ahnt die Langeweile und braucht sie überhaupt nicht. Er muss und will nicht Langeweile im Überfluss haben, nur um die Kilometer zu fressen. 


Er schreibt diese Zeilen in Cozad, 3000 Einwohner in dieser geplätteten Landschaft im Meridian Tap House bei Salat und Kaffee. Cozad liegt am 100sten Meridian. 


Irgendwie macht man es sich immer schön

Farmer, alte Menschen, Familien, die sich einen schönen Tag machen wollen sitzen ziemlich schweigsam und warten auf diese Essenskörbe, ausgelegt mit rotweiß karierten Servietten, in denen sorgsam dekorierte Sandwiches mit Chicken, Turkey, Bacon oder Beef serviert werden. Sie trinken Wasser oder Cola, immer mit Eis und ob Kaffee oder Kaltgetränk, jedem liegt ein Strohhalm bei. 

So, der Chronist muss weiter, er hat erst sechsundzwanzig Kilometer auf der Uhr. Kristina, die Chefin gibt ihm noch fix zwischen Papierkram ihre Antwort: 10-10-80. Sie hat nicht glauben können, dass Mr. Trump je Präsident werden könnte und das ganze für einen PR Gag gehalten. 


Kristin führt eines dieser charmanten, überall zu findenden Restaurants, die nicht einer Kette angehören

Der Wind ist widerlich und die Straße so elend gerade. Der Chronist mag gar nicht hochschauen, in der Hoffnung ein Ende zu sehen. Jedes Mal ist dieser Anblick, der in flimmernden Luftspiegelungen in der Unendlichkeit endenden grauen Linie, wie ein Peitschenhieb. Schließlich läßt er es. Unterlässt auch den Versuch, den Schnitt noch irgendwie ansehnlich zu halten. Er registriert nicht einmal besonders, als nach fünfundsechzig Kilometern die Straße einen leichten Knick macht. Er macht einfach noch mal einen Stop, Crady, 300 Einwohner und eine Tankstelle mit Minimarkt. Der beschert ihm die preiswerteste Pause bisher.


In Brady einmal satt für drei Dollar fünfzig

Auf den Brennholzpaketen für sieben Dollar das Stück verzehrt er den Einkauf. Der Anblick der Kneipe gegenüber ist ein Bestandteil des überall sichtbaren Wandels.



300 Einwohner sind heute zu wenig für eine Kneipe

Im Osten ist man ja eher schweigsam, auch auf dem Land. Aber Tagg redet mit dem Chronisten ein paar Worte. Nach dessen Einkauf fragt er ihn aus. Tagg teilt nicht auf. Er spricht Jesus alles zu und wird Trump wählen, der seiner Meinung nach viel für das Land getan hat.


Tagg ist Pensionär, lebt in Crady und hat für die Eisenbahn gearbeitet

North Platte heißt der Zielort. Platte ist Programm für diese ganze Gegend. Ein zentraler Ort für die Eisenbahn. Die einzige Stadt in dem umgebenden County. Der Chronist macht eine neue Erfahrung. Man kann auch preiswert und schön unterkommen. Ein irgendwie niedliches Motel fällt ihm vor die Füße. Fein draußen, fein drinnen.

Manager Yonn

Yonn mit seinem freundlichen Mondgesicht managt das Geschäft. Die Eigentümer sind aus. Es ist ein wirklich äußerst gemütlicher und sorgsam geführter Laden. Nach dem geschäftlichen Check in ist Yonn dran. Er findet die Frage seltsam, interessiere sich nicht für Politik und wird erst redselig, als der Chronist fragt, was er an der Politik im Moment am meisten vermisse. Niedrigere Benzinpreise. Zu Trumps Zeiten war die Gallone bei zwei Dollar dreißig und stieg dann auf zwei Dollar fünfzig. Zu Bidens Amtszeit stieg der Preis auf fast vier Dollar und liegt jetzt bei drei Dollar fünfzig. Das ist für ihn teuer. Ja, auch er mag diese Liberale gegen Konservative Diskussion nicht leiden. Würde man beide Parteien in einen Raum sperren, käme es sicher zu Prügeleien.  Am Ende bietet er dem Chronisten 50-25-25. Der hat die Idee, dass Yonn als Nativ Person mit Jesus nicht viel anfangen kann. 


Aus einer Eingebung heraus hat der Chronist zu Hause im Drogeriemarkt sein schmales Gepäck um eine Einzelportion Entspannungsbad ergänzt. Fast alle amerikanischen Bäder haben auch wirklich noch eine Badewanne. So auch sein niedliches Motel. Er genießt nach dieser Quälerei heute einmal blaue Entspannungssuppe. 


https://www.relive.cc/view/vNOP7kdPX2v

Morgen hat er ja bis ein Uhr Zeit. Er wird sein Publikum durch diese Kleinstadt führen. Aus den amerikanischen Serien oder Filmen kennt er so etwas eher nicht. 

Jack Kerouac trampte 1947 in Gesellschaft auf der Ladefläche eines offenen Lasters durch North Platte. Weil der Laster keine Seitenklappen hatte, und wegen der schlechten Straße waren sie ständig in Gefahr herunter zu fallen.


Montana Slim und die beiden Highschool-Typen wanderten mit mir durch die Straßen von North Platte, bis wir einen Schnapsladen fanden. Sie warfen was dazu, auch Slim, und ich kaufte eine Flasche. Hochgewachsene Männer mit mürrischen Mienen beobachteten uns aus Häusern mit falschen Stuckfassaden; die Hauptstraße war gesäumt von quadratischen Schachtelhäusern. Endlose Ausblicke auf die Prärie öffneten sich hinter jeder der traurigen Seitenstraßen. Ich spürte, dass in der Luft von North Platte etwas anders war, aber ich wusste nicht, was es war. Fünf Minuten später wusste ich’s. Wir stiegen wieder auf den Laster und brausten los. Es wurde rasch dunkel. Wir tranken alle einen Schluck, und als ich mich umschaute, waren die grünen Felder am Platte River plötzlich verschwunden, und stattdessen sah man, so weit das Auge reichte, weite Ödlandflächen, nur Sand und Gestrüpp. Ich staunte. «Was zum Teufel ist das?», schrie ich zu Slim hinüber. «Das ist Weideland, Mann. Gib mal die Flasche rüber.»


Allen einen schönen Tag und gutes Gelingen.


Montag, 27. Mai 2024

TBJ_8 Bergfest und: Kennst du Jesus?

Heute hat der Chronist Bergfest. Er hat seine fünfte Tour abgekurbelt. In Iowa, das auch irgendwo in Europa liegen könnte, nur das Europa dafür nicht groß genug ist. In Amerika ist alles größer, auch die Naturräume gleichen Charakters. Jetzt sitzt er ausnahmsweise bereits gleich im Bus und schaukelt dem nächsten Startort entgegen: Lexington in Nebraska. Diese Buslinie von Chicago nach Denver wird nur einmal am Tag bedient und es hatte der Chronist keine Lust in der Hauptstadt des Staates, in Des Moins, zu übernachten, um erst am nächsten Tag abends nach sechs Uhr den Bus besteigen zu können. Also bewegt er sich in Radklamotten ungeduscht heute schon weiter und wird sich nach Mitternacht noch ein Hotel suchen müssen. Drückt ihm die Daumen.

Der Fahrer ist der gleiche, der ihn sehr wohlwollend gestern von der Umsteige Burlington nach Oskaloosa gebracht hat. Wie alte Bekannte schüttelt man sich die Hände.


Don zum zweiten, er ist Pensionär und leistet sich mehrere Kaltblutpferde, die von Amish ausgebildet werden; seine Frage vergaß der Chronist anzubringen

Dass Oskaloosa eine Haltestelle hat, die Ihren Namen verdient, kann man nicht verlangen. Aber dass die ziemlich moderne und reiche Stadt Des Moins sechs Kilometer aus der Stadt heraus irgendwo neben einem Gabelstaplerhändler so einen kleinen Raum anbietet, ist eine freche Missachtung der Würde seiner Nutzer.


Aber der Reihe nach. Irgendwann gestern nachmittag stieg der Chronist in einem verschlafenen Nest aus dem Bus. Die Nachmittagssonne ließ die Luft flirren, Fahrer Don wünschte ihm Glück und rauschte von dannen. Niemand war auf der Straße. Sergio Leone hätte sofort eine Melodie dazu im Kopf gehabt.


Haltepunkt Oskaloosa

In Ermangelung eines Saloons stiefelte der Chronist erst mal in den örtlichen Drugstore und kaufte sich einen Nagelklipser, den er dringend brauchte. Die Hotels lagen vor dem Ort am Highway. Direkt vor dem teureren der beiden handelte er sich hinten einen Platten ein, dessen Unglückswirkung durch ein schönes Zimmer mit Seniorenrabatt kompensiert wurde. 


Es war der Chronist gestern nicht gut drauf, stellte sein Vorhaben und dessen allgemeinen Nutzen in Frage und empfand die Reststrecke als Bürde. Und er war auch ein bisschen einsam. Das passiert! Und dem Chronisten besonders nach Alkoholkonsum. Nach der Reifenrepartur, einer Dusche und dem Besuch des Walmart gegenüber sah die Welt schon anders aus. Am Eingang fing ihn Deborah ab. Sie hatte dort die Kunden zu begrüßen und den Chronisten mit dem Rennrad kommen sehen. Nach kurzem Informationsaustausch wurde er für berühmt erklärt und ein Kollege musste fotografieren.

Deborah war ausnahmsweise außerordentlich schlank. Früher hat sie als Krankenschwester gearbeitet, jetzt ist sie siebzig und macht das hier als Rentenjob. Sie hat zwei Kinder und wie der Chronist sieben Enkelkinder. Da war man schnell auf einer Wellenlänge. Sie ist Ureinwohnerin, leider hat er die Stammesbezeichnung luschig überhört. Jesus bekommt 100 %, Mr. Biden ist ihr zu alt und Mr. Trump traut sie nicht.


Der Chronist muss wiederholt feststellen, dass fleischlose Nahrung schwer zu finden ist. Alles hat Chicken oder Bacon. Schließlich kann er sich mit veganem Salat, Käse, einer Schüssel Fruchtsalat und einem Heißgetränk aus der Zimmerbar unter die weißen Laken zurückziehen und kommt so körperlich und mental wieder zu Kräften. Morgens ist es dann ja auch schön, den vom Todtenhausener Backoffice aufbereiteten Blog noch mal zu überfliegen. Läuft! Und so war er dann heute morgen wieder auf der Höhe, auch deswegen, weil das Hotel einen Pool hatte. 

Im Frühstückssaal fragte er Larry, ob dieser nicht an seinen Tisch wolle. Etwas unsicher, was seine Frau davon hielte, ließ er sich nieder und Chris schließlich auch. Und dann wurde es besonders. Larry nahm seine Frau bei der Hand und betete, betete für das Essen und für Detlef, ihren Sitznachbarn. Beide waren wegen einer Familienfeier hier. Und wieder war der Chronist an Kundschaft geraten, die die Verbindung zu Jesus in dieser Frage für absurd, fast unmoralisch hielten. „Kennst du Jesus,“ fragte Larry und brachte ihn etwas in Verlegenheit. „Jesus hat mit seinem Leiden alle unsere Sünden auf sich genommen!“

Und Chris stellte unmissverständlich fest, dass nur Jesus es richten könne. Für den irdischen Teil notwendiger Herrschaft werden sie Mr. Trump wählen. Am Ende verabschiedete man sich herzlich. Sie mussten zum Gottesdienst, Larry: “Jesus hat zwar keinen Fahrplan, aber die Kirche schon.“ Sie werden für den Chronisten beten, wünschten ihm alles Gute und er war dankbar dafür.


Cris und Larry mit dem Chronisten im Fairfield Inn in Oskaloosa, Iowa

Lieber Larry, der Chronist kann sich eine Anmerkung nicht verkneifen, die ihm heute auf dem Highway in den Kopf kam. Entschuldige seine große Klappe. Ja, es ist wohl so gemeint, das Jesus die Sünden von uns nimmt. Das ist ja an sich schon eine hundsgemein schwere Aufgabe. Ist es da nicht rücksichtsvoll ihm gegenüber, lässliche Sünden zu unterlassen, um die Bürde nicht übergroß werden zu lassen? Und ist der Genuss von übermäßigem und ungesundem Essen nicht auch eine Sünde, wenn auch eine kleine? Ich könnte mir vorstellen, dass er stolz darauf wäre, wenn seine Anhängerschaft selbstbewusst und verantwortungsvoll mit ihrem Gestell umgeht und damit anderen weder eine Last wird, noch übermäßig verformt durchs Leben watschelt, auch im Alter. Sorry.


Der geflickte Reifen hat seine Form behalten, der angekündigte Regen wurde rücksichtsvoll vorverlegt. Heute ist Memorialday und der großzügige Highway nur dünn besiedelt. 

Der Chronist kurbelt, bis zehn zählend, jeweils an zwei Polizeiautos vorbei, die auf dem Mittelstreifen stehen. Keine jaulende Sirene, kein Blaulicht. Die Beamten bleiben in ihren dicken Dodges sitzen, verfolgen auf dem Tablet den Sonntagsgottesdienst oder vielleicht Sexfilme. Jedenfalls scheinen sie den Chronisten nicht für jagbares Wild zu halten.


Legal! Rennrad auf dem Highway; Für Dave Jackson, dem Eigentümer eines 1960 Cadillac Sedan deVille  in der Farbe Persian Sand

Iowa ist sauber, der Highway ohne Dreck auf der Shoulder, kein Müll am Straßenrand, die Farmen versinken nicht in Gülle, wie er es in England gesehen hat. Um in dem welligen Relief Erosion zu vermeiden, lassen die Farmer  hangparallel dauergrüne Streifen stehen.


Schonende Bodenbearbeitung

Was den Chronisten irritiert, sind die riesigen Rasenflächen um die Anwesen. Sie sind groß wie Golfplätze und die Rasenpflege ist auch so. Für den Chronisten unvorstellbar solche Flächen in der Mähpflicht zu haben. Aber das scheint hier auch der Entspannung zu dienen: Auf einem Aufsitzrasenmäher der Kategorie Kommunalfahrzeug mit Ohrschützern über das Grünland zu flitzen. Andernorts in der Welt werden die intelligentesten Kunstgriffe angewendet, um Energie zu sparen. Hier könnte man vielleicht einfach mal darüber nachdenken, eine Feinrasenfläche der Größe Niedersachsens nicht alle zehn Tage zu mähen.

Es muss der Chronist zugeben, dass es schön aussieht, kultiviert, wie auch die Häuser ziemlich gepflegt sind und der Fahrzeugpark in den offenen Carports mindestens dreiteilig ist.


Fast alle Häuser haben diesen Stil; als Dorfgaststätte eine Ausnahmeerscheinung Smokey Row Coffee Shop in Pleasantville

Der Chronist hat wieder Glück für seine Mittagspause. Ein Dorf im Nirgendwo. Der einzige Laden, der geöffnet hat, hat Charme, das Essen ist lecker und die Kinder, die ihn betreiben, machen einen guten Job. Der Versuch bei dem mißmutigen, schweigsamen Rotfuchs seine Frage loszuwerden scheitert kläglich. Keine Reaktion. Am Ende bedankt er sich knapp, dass der Chronist bei Google Maps seine Öffnungszeiten korrigiert hat. Danach war der Laden nämlich Sonntags geschlossen.   


Weil er nicht gerne billig daher kommen möchte, hatte der Chronist diese Tour von der direkteren Variante mit 90 km auf eben die seiner Meinung nach angemessene Mindestlänge von über 100 km aufgepumpt. Dieser Umweg ist auch schön, hat aber den Nachteil, als Nebenstrecke wie eine graue Schärpe einfach auf das Relief aufgelegt worden zu sein, während man für einen Highway schon mal einen Berg abträgt.


Raufrunter, raufrunter; Memorialdaybeflaggung auf dem Friedhof

Des Moins, eine picobello hergerichtete Landeshauptstadt, großzügige, neue Fußgängerwege, Blumengeschmückt; die Restaurants und Brauereikneipen sind gut besetzt. Irgendwie scheinen sich die Städte hier im mittleren Westen neu zu erfinden.

Zweiteilige neue Fußgänger- und Radwegbrücke

https://www.relive.cc/view/vevY3Y7kWJ6


An dieser Stelle möchte der Chronist darauf hinweisen, dass er mindestens zwei Vorgänger auf dieser Route hatte, die sie in ziemlich unterschiedlicher Weise und zu unterschiedlichen Zeiten verfolgt haben. Es wird unzählige geben, aber er weiß nur von diesen.

Hamilton Mack Laing, Riding the continent, ein kanadischer Naturfreund und Biologe, der 1915 mit einer Harley Davidson hier lang kam, zu einer Zeit, als die Straßen noch aus Sand oder Schlamm bestanden und er sich mühsam dadurch wühlen musste. Seine Tagesetappen waren oft nicht länger als die des Chronisten. Bei gänzlich unzulänglichen Straßen benutzte er auch die Schwellen-Schotterpiste zwischen den Eisenbahnschienen unter Beachtung des jeweiligen Fahrplanes. Er scheute den Trubel, schlief in der Natur neben seinem Motorrad unter einer Zeltbahn, die er daran befestigte und freute sich am Morgen über den Gesang der Vögel. Er kannte sie alle. 

Der andere, weit bekanntere ist Jack Kerouac mit seinem Buch On the road. Eine wortgewaltige Beschreibung eines wilden Aufbruches 1947 nach Westen als Tramp. Der Chronist glaubt sich zu erinnern, dass in den Siebzigern dieses Buch gerne neben dem Jointbesteck und der Maobibel aber auch auf weißen Schleiflacknachttischen herumlag. Der Chronist las zu der Zeit Johannes Mario Simmel, begeisterte sich als schwer schulgeschädigter für den Versuch pädagogischer Neuausrichtung in Englands Summerhill und konnte sich köstlich mit Asterix und Obelix amüsieren. 


Morgen trifft er sich mit Jack in North Platte. Des Chronisten Partner und Freund hat ihm neben Simon Geschke auch als digitales Lesebuch Jack Kerouac mitgegeben. Und er ist gerade an der Stelle, wo der Autor für ein paar Tage in North Platte strandete.

Bis dahin macht es gut.


Sonntag, 26. Mai 2024

TBJ_07 The bike has to be in a box!

Ein Satz, der dem Chronisten, seit er 2018 in seinen Wortschatz überging, sofort Bluthochdruck verursacht. Diesmal wird es ernst. Er fährt mit Trailroad. Einer anderen Gesellschaft, die es auf keinen Fall laufen lässt und der Fahrer ist nicht boshaft, sondern nur regeltreu, so dürfen sie das Rad nicht transportieren. Der Chronist entwickelt Panik, sieht seinen Plan verduften und den Westen im Nebel verschwinden. Also kämpfen. Vielleicht hätte ja der Schalter Boxen. Hat der nicht, und die Schwarze von dort, deren Erscheinung noch aus der Zeit stammt, als sie im Chor mit Aretha Franklin auf Tour war, kümmert das wenig.

Am Gate zeigt er dem Fahrer die große Plastiktüte, die über den Rand eines großen Müllbehälters lappt. Wäre das ok? Er nickt. Der Chronist kippt kurzerhand den Müll in einen anderen Eimer und den Hintern des Scott in die Tüte. Der Fahrer nickt wieder. Der Bus ist sauber, modern mit Bildschirmen ausgestattet und ziemlich voll. Es hat funktioniert, stört den Chronisten aber irgendwie.


Hoffentlich ist der Umsteigefahrer damit auch glücklich

Er muss einmal umsteigen und ist gespannt, was der nächste Fahrer dazu sagt. Jetzt in der Pause sitzt er im tiefsten Mittwesten in einem lokal geführten Restaurant, um ihn riesige Parkplatzflächen und irgendwie weit verstreut 24000 Einwohner, die Burlington ausmachen. Drei Stunden hat er Zeit euch was nachzuerzählen. Keine Angst, das wird schon nicht zu viel.

Er hat jetzt zum ersten Mal, wie angekündigt, einen Tag ausgelassen. Er war bei der Schwägerin eines alten Freundes verabredet, Sabine. 


Aus dem hauseigenen Leseraum im sechsundfünfzigsten Stock

Sie hat ihn nicht nur in ihrer spektakulären Wohnung im achtundzwanzigsten Stock, direkt am Michigansee untergebracht. Sie hat seine Wäsche gewaschen, ihm die monatliche Spritze verpasst, weil sie auch Ärztin ist und sie hat ihn mit ihrem quirligen Freund Alan ausgeführt. Das war lustig und interessant und am Ende spät. Danke Sabine, danke Alan. Um fünf Uhr morgens musste er wieder aufstehen, zum Busbahnhof.


Alan und Sabine diskutieren die Frage

Alan denkt schnell. Auf des Chronisten Frage rattert er los: 100 % Jesus. Die Politik ist unfähig. Sie hat die Wirtschaft so gestaltet, dass das Verhältnis vom CEO Gehalt zum Durchschnittsverdienereinkommen seit den siebzigern von eins zu acht auf eins zu fünfzig gestiegen ist. Sie hat es nicht geschafft für mehr bezahlten Urlaub zu sorgen, für bezahlten Mutterschutz, für eine Krankenversicherung und hat heute die Bilanz von 120000 Drogentoten aus dem letzten Jahr an den Hacken.

Alan ist auch Arzt, wird Mr. Biden wählen und am Wochenende eine Rede für ein Ehemaligentreffen von Harvardstudenten vorbereiten. Sabine hat siebentägige Schichten und im Moment vier Wochen frei. Als Deutsche hält sie sich aus dem Thema raus, scheint aber doch etwas pikiert zu sein, dass Alan gewisse Notwendigkeiten in der Politik auch aus dem Baukasten Trump sieht.


Beim Start in South Bend am gestrigen Morgen hatte der Chronist mal einen anderen Teil der Gesellschaft am Haken.


Rick and Jim machen Geschäfte beim Frühstück

Rick und Jim lassen sich gerne stören, begreifen fix was er will und kommen mit 20-20-60 sowie ⅓ - ⅓ - ⅓ um die Ecke. Rick meint, wenn wir zu 60% Jesus in uns haben, werden die restlichen, notwendigen 40 % zwangsläufig gut arbeiten. Der Chronist vergaß nach ihren persönlichen Daten zu fragen. Sorry.


Das Kurbeln ließ sich bestens an. Der Verkehr war erträglich, teilweise konnte er kilometerlang im Baustellenbereich die nagelneue Fahrbahn allein benutzen.


Ein paar Kandidaten wüsste der Chronist wohl

Flaches Land und Rückenwind. Hier herrscht Landwirtschaft vor. Über die riesigen Schläge rauschen in Staub eingehüllt Ackerschlepper, die des Chronisten Enkel allergrößten Entzücken bereiten würden. Haushohe rote Case Maschinen mit vier gleich großen Gummiraupenantrieben, die als überdimensionale Dreiecke an den Seiten für Vortrieb und geringen Bodendruck sorgen. 

Die Sonne scheint, Michigan lässt er dummerweise rechts liegen. Warum nicht bei einer Tasse Kaffee einen Blick werfen? Nach einer Pause wird es Richtung Norden tiefschwarz am Himmel. Da rutscht selbst dem Chronisten das Herz nach unten. Auf den letzten Drücker flüchtet er in eine rostige Industriehalle am Straßenrand. Glück gehabt.


Sturzregen um Chicago

Zwischen Ölfässern und Werkzeugbänken werden Großgeräte für den Spezialtiefbau repariert. Maschinen für die Gründung von Hochhäusern. Immer eine schwere und laute Drecksarbeit. Er versteht nicht sehr viel, was ihm die Leute in Slang und hoher Geschwindigkeit erklären. Der Himmel erbricht sich colossal über der Halle. So, dass der Chronist in freier Wildbahn zwar knapp überlebt hätte, aber für Tage unbrauchbar geworden wäre. Die Teile seiner Ausrüstung für immer.

Bis zur Befahrbarkeit der Straße reichte die Zeit Casey zu befragen. Er ist verheiratet, hat zwei Mädchen und scheint Chefmonteur zu sein. 


Casey, 25-25-50

Die Männer verabschieden den Chronisten mit besten Wünschen und warnen ihn vor den jugendlichen Banden der Stadt.

Die knapp vierzig Kilometer bis zum Zentrum führen an Tanklagern, ausgeweideten Stahlwerksleichen und großen, dampfenden Industrieanlagen vorbei. Chicago lässt sich nicht so einfach erobern. Erstens lagen mehr als 140 km zwischen Startpunkt und Ziel und zweitens, und das hat der Chronist noch nicht erlebt, spielt der blaue Punkt in den Hochhäuserschluchten verrückt, wandert unkontrolliert hin und her. Zur Gastgeberin findet er nur über das traditionelle Orientieren an Straßennamen. Er ist nicht beschossen noch ausgeraubt worden.

https://www.relive.cc/view/vYvE2kB5LGO


PS Der Chronist möchte Etienne nicht unterschlagen, der neben ihm im Bus sitzt, nach Davenport, Iowa reist, und ihn aus seinem tief dunklen Gesicht in einer Mischung aus Unglauben, Spott und Freude von der Seite ansieht. Etienne will wieder und wieder wissen, warum der Chronist das macht, was er macht. Ob er Journalist sei? Und er akzeptiert die Frage nicht. Man könne niemanden mit Jesus vergleichen oder auch nur Teile von ihm in Anspruch nehmen.

Er hat vier kleine Kinder und antwortet ausweichend auf die Frage, was er beruflich macht mit Factoring. Er ist der Meinung, dass Politiker nur ihre eigenen Interessen bedienen. Er hat keine Ahnung und will es auch nicht. Er akzeptiert was kommt. Wie es in Deutschland aussieht? Der Chronist meint gut und fügt hinzu, dass dennoch viele Leute sich beschweren und beklagen. Seiner Meinung nach oft ungerechtfertigt. Und da lässt sich Etienne nicht von seiner Meinung abbringen, dass die Leute damit recht hätten. Wenn die Politik nicht richtig arbeite, würde das Volk das klar erkennen. Der Chronist und er kommen nicht auf einen Nenner. Doch nach dieser besonderen Stunde ist Etienne wenigstens überzeugt, dass der Chronist schon wisse was er mache und kann ihn in Frieden ziehen lassen. Am nächsten Stop lässt sich Etienne nicht davon abbringen, ihm Kaffee und Schokolade zu kaufen. Danke!


Der Chronist hat guten Willen gezeigt, den Müllbeutel mit Haushaltsfolie aus dem Dollarstore ergänzt und so verschwand das Scott ohne Diskussionen im Buskeller.

Super. Macht es gut.

TBJ_99 I did it my way (even on a highway)

Liebe Follower, eine letzte Post vom Chronisten. Wer immer auch bis hierhin mitgereist ist. Schön, dass es euch gibt. Man ist ja ungern alle...